Knut: „Sein Leben dort war in Ordnung“

17. März 2012

Ich habe es ja kommen sehen, dass an seinem ersten Todestag alle, die den Berliner Eisbären Knut schon immer instrumentalisiert haben, diese einmalige Gelegenheit nicht ungenutzt vorbeigehen lassen werden. Und irgendwie mache ich es jetzt auch, wenn ich auf einen der diversen Artikel eingehe, die ich in den letzten Tagen dazu gelesen habe. Ich wollte es eigentlich lassen. Aber heute Morgen ist mir da ein Satz in einem Artikel des Holsteinischen Kuriers dann doch so unangenehm ins Auge gefallen, dass ich dazu meinen Mund nicht halten oder besser meine Finger nicht ruhig halten kann.

I saw it coming, that on the first anniversary of Knut’ s death they wouldn’t pass up the chance to exploit his death.  And somehow I want to do it now too, when I react to one of the articles I’ve read in recent days. In my heart, I want to let go.  But this morning I came across a sentence in an article in the Holsteinischen Kurier that struck me as so unpleasant that I can’t keep my mouth shut, or rather my fingers still.

Eisbär Knut im Zoo Berlin

Es handelt sich um einen Bericht über ein Gespräch mit dem Zoodirektor des Tierparks Neumünster Dr. Peter Drüwa und geärgert habe ich mich nicht über eine seiner Äußerung, sondern über die Schlussbemerkung des Journalisten, der diesen Artikel verfasst hat. Ich denke man muss Knuts Geschichte nicht nacherzählen, die kennt jeder, der sich für Eisbären in Zoos interessiert, und ich bin mit dem Tierparkchef aus Neumünster einer Meinung, so ganz kann man dieses Phänomen Knut nicht erklären. Schließlich sind vor ihm und nach ihm viele Eisbärenjungtiere in Zoos überall auf der Welt geboren worden und auch Handaufzuchten von Eisbären gab es vor Knut und nach Knut. Gerade in diesem Winter werden besonders viele kleine Eisbären mit der Hand aufgezogen und der Zoo in Toronto beweist  praktisch, dass man dies selbst nach Knut tun kann, ohne einen Medienhype auszulösen und ohne das Tier zu vermenschlichen. Da wird kein Tierpfleger von den Medien zum Helden hochgejubelt und bis jetzt fordert auch keine Fangruppe mit darüber entscheiden zu dürfen, wo der kleine Bär einmal leben soll. Und das wird hoffentlich auch nicht geschehen. Schließlich sollte man aus dem Schicksal Knuts lernen. Und damit meine ich nicht seinen frühen Tod. Nach meiner Meinung kann leider jedes Tier plötzlich durch eine Virusinfektion erkranken und daran sterben. Davor sind auch Menschen nicht gefeit. In Deutschland sterben jährlich 7.000 bis 13.000 Menschen an einer Grippe. Ich bin traurig, dass Knut nur vier Jahre alt geworden ist, aber ich finde es abwegig, für seinen Tod die Haltung im Zoo Berlin verantwortlich zu machen. Und auch da bin ich mit Dr. Drüwa einer Meinung, wenn er sagt: „Sein Leben dort war in Ordnung.“

It deals with an interview with the Director Dr. Peter Drüwa of the Neumünster Zoo, and I’m not really angry at what he said, but at the final comment of the journalist who wrote the article.  We don’t need to retell the story of Knut.  Anyone who is interested in polar bears in zoos knows about him.  And I’m with the director, when I say that it’s difficult to explain the whole Knut phenomenon.  After all, both before and after him, many polar bear cubs have been born in zoos everywhere, and many were hand-reared.  Especially even this winter, several little polar bears were hand-reared, and the Toronto Zoo, in particular, has virtually proven that it’s possible to do so without attracting a media frenzy and without hugely anthropomorphizing the animal.  No zookeeper wants to be lionized and made the object of fan-club pressure in which zoo the little bear should live.  We need to learn from the fate of Knut.  And I’m not speaking of his early death.  Obviously and unfortunately, any animal can become ill from a viral infection and die at any time.  People are not immune.  In Germany, every year 7000-13,000 people die from the flu.  It’s sad that Knut was only four, but I think it’s absurd to blame the Berlin Zoo for his death.  I’m with Dr. Drüwa, when he says, „His life was fine there.“

Eisbär Knut im Zoo in Berlin im Mai 2009

Es hätte besser sein können. Der EEP Koordinator für Eisbären – der hieß damals Hans van Weert – wollte ihn 2008 zusammen mit Ewa nach Orsa schicken. Und dass nicht Knut dort gelandet ist, sondern Wilbär im wahrsten Sinne des Wortes der „Glückliche“ wurde, der mit Ewa in der größten Eisbärenanlage der Welt ein weitgehend selbstbestimmtes Leben führen kann, daran ist Herr Dr. Drüwa keineswegs unschuldig. Der Rechtsstreit des Tierparks Neumünster mit dem Berliner Zoo, um eine Beteiligung an den Einnahmen, die durch Knut in den Kassen des Zoos Berlin gelandet waren, ist ursächlich mit daran schuld, dass Knut „forever“ in Berlin blieb und er hat dafür gesorgt, dass   entgegen des Prinzips der Europäischen Erhaltungszucht ein Eisbär in Deutschland mit richterlicher Beteiligung „verkauft“ wurde.   Und das ist auch der Grund, warum mich der Nachsatz zu der oben zitierten Äußerung Dr. Drüwas so ärgert: „…auch wenn man ihm (Dr. Drüwa) ansieht, dass er mit Knut anders umgegangen wäre“. Er hätte die Chance dazu gehabt.

It could have been better.  In 2008, the EEP Coordinator of Polar Bears, then Hans van Weert, wanted to send him, along with Ewa, to the Orsa Bearpark [in Sweden].  But in the end, it was not Knut, but Wilbär who lucked out.  Had that happened, he would have had Ewa as a mate and lead a largely autonomous life in the largest polar bear enclosure in the world.  And Dr. Drüwa did his bit to keep Knut „forever“ in Berlin. The fact is that the Neumunster Zoo wanted its share of the revenue that Knut brought to the coffers of the Berlin Zoo.  And so it happened with the help of a German judge that a polar bear was „sold“. An occurrence that contradicts the principles of the EEP. And that’s why I am annoyed with the post-script to Dr. Drüwa’s above quoted statement, „… when you look at him [Dr. Drüwa], you just know he would have done it differently.“    If he had really wanted to do this, he would have had his chance.

Eisbär Knut im Zoo Berlin

Den besten Artikel zum Thema Eisbären habe ich schon vor einigen Wochen gelesen und er hat mich nachdenklich gemacht. Die Kulturwissenschaftlerin Vera Tollmann setzt sich unter der Überschrift „Ein Bild von einem Bär“ mit der Art und Weise auseinander in der gerade Eisbären von allen möglichen Gruppen als Überbringer der jeweiligen Botschaft genutzt – missbraucht? – werden. Ich lege ihn den um Knut trauernden Fans im Berliner Zoo, den Tierrechtlern, die natürlich auch ihre Botschaft bei dieser günstigen Gelegenheit loswerden wollen, und allen, die Eisbären mögen, ans Herz.

I read an excellent article about polar bears a few weeks ago, and it got me thinking.  Cultural historian Vera Tollman says, under the title, „A portrait of a bear“, that polar bears sit apart from all other species, as the bearers of messages and the victims of abuse.  I entrust this article to Knut’s grieving fans at the Berlin Zoo, the animal-rights activits, who naturally want to impart their message too at that convenient opportunity  and to all the people who love polar bears.

http://www.shz.de/nachrichten/lokales/holsteinischer-courier/artikeldetails/article/111/knut-war-ein-echtes-phaenomen.html

http://www.freitag.de/alltag/1208-warum-landet-der-eisb-r-auf-einem-cadillac

6 Antworten zu “Knut: „Sein Leben dort war in Ordnung“

  1. Liebe Ulli,

    dem ist nichts hinzuzufügen.Den Artkel fand ich auch schon vor ein, zwei Wochen und hatte ihn auch bei Martina schon mal gepostet.
    Hoffentlich wird er von vielen gelesen.Ich fürchte allerdings, dass nicht.

    Vielen Dank für deine immer sehr interessanten und wichtigen Artikel.
    Liebe Grüße,
    Brigitte

  2. huhu ulli

    zu knuts lebenszeiten hat sich ja schon jeder ein stück seines fells genommen,der eine mehr ,der andere etwas weniger.
    jeder hat seine chance gewittert und sie für sich genutzt.
    und dr.drüwa hat sich mit rechtlichen beistand sogar ein besonders großes stück gekrallt.
    der forever-clan hat knut auch keine chance gelassen.
    verrückte welt.
    aber mit dem tod von knut ist das eisbärspiel ja nun nicht zu ende,ich glaub es fängt gerade erst an.
    ich hab den artikel auch gelesen und er stimmt nachdenklich.

  3. Liebe Ulli!

    Vielen Dank für Deinen interessanten Beitrag und die dazugehörigen Links!

    Yeo

  4. hallo ulli,

    deine meinung bezüglich knut teile ich natürlich in jeder hinsicht.
    es ist und bleibt ein jammer …

    der artikel der kulturwissenschaftlerin gefällt mir persönlich nicht so gut.
    ich kenne diese art interpretation vor allem aus der kunst-welt, in der sich die kritiker in ihrer theorielust gar nicht mehr bremsen können. mir ist das zu viel, und zu theoretisch.

    dein blog gehört zu den wenigen, die ich zum thema überhaupt lese.
    ich denke nicht dass ich was versäume … ;o)

    gruß
    nene

  5. Liebe Ulli,
    Danke für die beiden Links zu den Eisbären, es war sehr interessant zu lesen, wie die Wirklichkeit aussieht. An diesem Wochenende gibt es keinen Zoobesuch, all die Schlauen aus der Knutitis sind in Berlin vertreten. Außerdem möchte ichg mich einmal bei Dir und Gerhard für die viele Arbeit mit dem Blog bedanken. Man kommt gar nicht nach mit dem Lesen, so nach und nach wird es nachgeholt. Wünsche Euch ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße
    Gudrun

  6. Wie Recht du hast Ulli.
    Ich enthalte mich auch bewusst-schreibe keinen Artikel um Knuts Todestag. Was ich sagen wollte, hab ich kurz nach seinem Ableben geschrieben und dabei bleibt es.
    Dass man ihn nun auch nochmals für schwachsinnige petitionen missbraucht, finde ich zum K…
    Danke für deine sachlichen Worte
    agi

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