Nuenen: Pixel und Noordje und meine Gedanken zur Haltung von Eisbären

18. Februar 2013

Wir waren gestern in Nuenen bei Eindhoven, im Dierenrijk. Dort gibt es seit einigen Tagen zwei kleine Eisbären, Noordje und Pixel, die zusammen mit ihrer Mutter den Besuchern sehr viel Freude machen. Und es waren für den niederländischen Tiergarten viele Besucher, die sich an diesem nebligen Sonntag im Februar auf den Weg gemacht haben, die neuen Bewohner willkommen zu heißen. Zum ersten Mal mussten wir vor dem Eingang in einer Schlange warten, bis wir hinein durften. Ich freue mich sehr darüber, denn das Dierenrijk hat es verdient mehr Aufmerksamkeit zu bekommen. Man geht hier einen ganz anderen Weg als in den meisten Tiergärten Europas, nicht aufwändige, teure Gehege mit eindrucksvollen Kulissen, sondern große, preiswerte Anlagen mit einfachen Mitteln, aber dennoch abwechslungsreich für die Bewohner gestaltet, prägen hier das Bild.

Yesterday we went to Dierenrijk, in Nuenen, near Eindhoven.  There, visitors have been able to see the two cubs Noordje and Pixel, together with their mother since a few days and they were very delighted with them.  There were a lot of visitors in the Dutch zoo for a foggy Sunday in February.  They all came to welcome the new residents.  For the first time, we had to wait in line at the entrance before going in.  I’m very excited about the whole situation because Dierenrijk deserves more attention.  In this place the approach is different than in other European zoos.  They don’t have elaborate and expensive enclosures with murals on the walls, but large, low-cost pens that are easy to maintain and at the same time are planned to meet the needs of their residents  characterise the park.

Eisbärin Frimas mit Noordje und Pixel im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Wenn James Brückner von der Münchner Tierschutzakademie recht hätte, hätte ich im Dierenrijk verhaltensgestörte Eisbären vorfinden müssen. Denn hier leben neben den beiden Jungtieren und ihrer Mutter Frimas, noch drei weitere Eisbären: der Vater der Kleinen Henk und die beiden älteren Eisbärinnen Beja und Wash. In einem Artikel über die Überarbeitung des Säugetiergutachtens in der „Welt“ wird die Auffassung von James Brückner  wiedergegeben: „Es geht nicht darum, Zoos per se zu verbieten“, sagt Brückner. Aber Eisbären etwa müssten beim Jagen in der freien Natur weite Strecken zurücklegen. Im Zoo könnten sie ihren Bewegungsdrang nicht ausleben. Als Einzelgänger würden sie zudem unter allzu engem Kontakt mit Artgenossen und der ständigen Beobachtung durch die Besucher leiden – und könnten so im schlimmsten Fall Verhaltensstörungen und Krankheiten entwickeln.“

If James Brückner of the Munic Akademie für Tierschutz (Academy for animal welfare, an institute of the German animal welfare organisation „Deutscher Tierschutzbund e.V.“ that publishes many articles with the aim to ban the keeping of wild animals in zoos.) were right, I would find a lot of disturbed bears in Dierenrijk.  This is the place where the two cubs live with their mother Frimas, as well as the cubs’ father Henk and two other females Beja and Wash.  In the article on the revision of standards for keeping mammals in zoos in  the German newspaper Die Welt (The World), James Brückner comments, “It’s not about banning zoos per se,“ he said.  And he added that in the wild, polar bears on the hunt had to travel long distances.  In a zoo, they could not express that urge.  As natural loners, they were also kept too close to their conspecifics and the constant observation of visitors.  This would leave them vulnerable to the worst kind of behavior disorders and illnesses.

Eisbär Henk im Dierenrijk in Nuenen bei EindhovenEisbärin Beja  im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Henk links / left und Beja rechts / right

In Nuenen kann man allerdings das genaue Gegenteil beobachten. Die drei erwachsenen Eisbären, die sich im Augenblick das kleinere der beiden Gehege teilen, waren absolut entspannt. Henk wich Beja nicht von der Seite und ruhte neben ihr am Rand des Wasserbeckens. Sie scheint im Augenblick besonders anziehend für ihn zu sein, was wir schon bei einem anderen Besuch im Januar beobachten konnten. Die 31 Jahre alte Wash wollte lieber allein sein. Kein Problem in der Anlage in Nuenen. Sie ist groß genug und so gestaltet, dass die Eisbären problemlos ein stilles Plätzchen finden können, wo sie sich vor den Blicken der Zoobesucher und ihrer Artgenossen zurückziehen können.

In Nuenen, however, one can observe the exact opposite.  The three adult polar bears, who at the moment share the smaller enclosure, were absolutely relaxed.  Henk didn’t leave Beja’s side, and was settled near her at the edge of the pool.  She seems particularly attracted to him at the moment, something we’d noticed during another visit last January.  31-year-old Wash prefered to be left alone.  No problem in the enclosure in Nuenen.  It is large enough and planned, so that the polar bears can find a quiet corner, where they can retreat from zoo visitors and their “roomies”. 

Eisbärin Wash  im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Wash, die eine Wäsche nötig hätte. 😉 – who needs to wash herself.

Im größeren Gehege sind Frimas und ihr Nachwuchs untergebracht. Und die Eisbärin hatte überhaupt keine Probleme damit, dass sie und ihr Nachwuchs von vielen neugierigen Zoobesuchern durch die Scheiben und den Zaun beobachtet wurden. Im Gegenteil, nachdem sie ihren Nachwuchs gesäugt und dieser ein Nickerchen gemacht hatte, spazierte sie langsam am Zaun entlang und schien sich genau anzuschauen, wer denn da alles vorbei gekommen war. Die Jungtiere guckten besonders neugierig in Richtung Zuschauer, verloren dann aber bald das Interesse und folgten ihrer Mutter auf ihrem Rundgang. Wir blieben an der Scheibe stehen und sahen ihnen nach. Frimas ist völlig relaxt und wird keineswegs durch die Menschen gestresst. Sie hält nur einen gewissen Abstand zu dem zweiten Gehege und beobachtet die Bewegungen der Eisbären dort, allerdings ohne Aufregung zu zeigen. Auch hier wird die Anlage in Nuenen den Bedürfnissen der Bärin gerecht. Sie kann Abstand halten und Nähe suchen, wie sie es selbst möchte.

The larger side of the enclosures houses Frimas and her cubs.  She’s had no problem with the fact that she and her cubs can be seen by so many eager fans, both through the windows and the fence.  It was the other way around.  Having nursed her cubs and settled them down for a little nap, she strolled slowly around the fence, checking out just who was there, but all seemed okay for the moment with her.  The cubs were initially curious to see the visitors, but soon lost interest and settled for following their mother around the perimeter.  We watched them from the window.  Frimas seems entirly relaxed and is not at all bothered by the people.  The second enclosure is very near, and she occasionally glances over, without showing too much interest.  In Nuenen the exhibit meets first of all the needs of the bear.  She can separate herself and look around the landscape, as she would naturally do, and she can come close to the fence and the visitors if she wants it.

Eisbärin Frimas mit Noordje und Pixel im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Nach einiger Zeit tauchten Frimas, Noordje und Pixel wieder auf. Frimas buddelte sich eine Kuhle, wie eine Eisbärin in der Wildnis, eben nur nicht im Schnee, sondern im Gras, und die Jungtiere begannen zu spielen. Sie waren erst seit fünf Tagen aus dem Innengehege, wo sie am 16. November 2012 geboren wurden, hinaus nach draußen gekommen, haben sich aber in den wenigen Tagen schon von schneeweißen Eisbärchen in zwei allerliebste schmutzige kleine Rabauken verwandelt, die ziemlich fix über die Anlage laufen, miteinander raufen und aufmerksam beobachten, was ihre Mutter da so mit dem Boden anstellt. Und wenn die Kleinen Hunger haben, dann setzt sich Frimas in ihre Kuhle und säugt den Nachwuchs. Es macht viel Freude ihnen zuzuschauen und wenn ich meine Beobachtungen in Nuenen mit den Videos von Eisbärenmüttern in der Wildnis vergleiche, die ich im Internet angeschaut habe, und Dokumentationen im Fernsehen, so kann man hier in einem Zoologischen Garten natürliches Verhalten einer Eisbärin mit Jungtieren beobachten. Frimas selbst ist ein Wildfang, der in der kanadischen Arktis verwaist aufgefunden wurde.

After a while, Frimas, Noordje and Pixel showed up once more.  Frimas built herself a day-bed, as would a polar bear in the wild, not in the snow, but in the grass, and the cubs began to play.  Only five days earlier, they’d been inside, where they were born on November 16, 2013.  In that short time, they’ve gone from little snow-white polar bear angels to two dirty little thugs, who play all around the pen, all the while keeping a sharp eye on what Mama is up to over in her bed.  And when they’re hungry, Frimas sits up in her bed and nurses them.  It’s delightful to see them together, and when I compare my experience in Nuenen with videos that I’ve seen of on the internet and documentaries on TV of wild polar bear mothers, I can see that here in this zoo, the natural behavior of a polar bear mother and her cubs.  Frimas, herself, came from the wilds of the Canadian Arctic. 

 Eisbären  Noordje und Pixel im Dierenrijk in Nuenen bei EindhovenEisbären  Noordje und Pixel im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Eisbärin Frimas mit Noordje und Pixel im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Eisbärin Frimas mit Pixel im Dierenrijk in Nuenen bei EindhovenEisbären Pixel und Noordje im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Wir waren schon häufiger in Nuenen und haben die Eisbären dort beobachtet und nie Verhaltensauffälligkeiten gesehen und das obwohl die Eisbären, die dort zu sehen sind, teilweise vorher in einigen anderen Zoos untergebracht waren und nicht nur in guten Anlagen gelebt haben. Beja zum Beispiel ist 1986 in Wien geboren und war u. a. in Dvůr Králové und Antwerpen, bevor sie in die Niederlande kam.

We were already visiting Nuenen frequently and have observed these polar bears a lot.  We have never seen problems behaviors there, in spite of the fact that they have had experiences in other zoos and lived in inferior enclosures.  Beja, for example, was born in Vienna in 1986 and was at the Dvůr Králové Zoo (in the Czech Republic) and in the Zoo of Antwerp (in Belgium) before arriving in the Netherlands.

Eisbär Noordje im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Ich bin weder ein Fachmann noch ein Experte, ich gehe einfach nur gerne in den Zoo und beobachte Tiere. Eisbären haben es mir – wie vielen anderen Zoobesuchern überall auf der Welt – besonders angetan. Aber ich freue mich auch über andere Tiere, Elefanten, Menschenaffen – besonders Gorillas und Orang-Utans – und Raubkatzen z. B. und ich möchte nicht darauf verzichten, sie zu sehen. Ich würde sie aber gerne alle in Anlagen sehen, die ihren individuellen Bedürfnissen gerecht werden.  Denn jedes einzelne Tier hat ganz spezielle Bedürfnisse, die man nicht allgemein durch festgelegte Regeln bestimmen kann. Es gibt Eisbären, wie Boris und Noel in Kopenhagen, die auch in einer objektiv betrachtet schlechten Anlagen ohne große Probleme  lange Zeit leben konnten. Was nicht bedeuten soll, dass ich mich nicht sehr darüber freue, dass die Beiden in Kopenhagen jetzt in eine neue moderne Anlage umgezogen sind und ich mir nicht wünsche, dass alle Eisbären in den Zoos, in Anlagen leben sollten, die ihnen Platz und Abwechslung bieten. Die Anlage in Nuenen ist ein gutes Beispiel dafür, wie man mit einem nicht zu hohen finanziellen Aufwand Gehege für Eisbären bauen kann, die ihren Bewohnern gerecht werden. Ich fände es erfreulich, wenn dies Nachahmer finden würde. Die Tendenz in Deutschland und den USA Eisbärenanlagen zu errichten, die stets mehr als 10 Mio Euro kosten, führt dazu, dass viele veraltete Anlagen nicht erneuert werden, weil nicht genug Geld für einen Neubau da ist. Begründet wird dies meist damit, dass die meisten Zoobesucher nur solche Anlagen sehen wollen. Dies geht am Ende zu Lasten der Tiere.

I’m not an expert. I just like to go to zoos and watch the animals.  I am especially fond of the polar bears, just like other zoo visitors all around the world.  But I like the other animals:  elephants, great apes (especially the gorillas and orangutans), and cats, for example, and I don’t want to refrain from seeing them.  But I would prefer to see them all in facilities that suited their individual needs.  Each individual animal has specific requirements, and these cannot be addressed only by a set of regulations.  There are polar bears, like Boris and Noel in Copenhagen, who could live in a poor enclosure together for long without problems.  That doesn’t mean that I’m not happy about it, that the pair in Copenhagen have moved into a new enclosure that thrills me.  I’d rather see all polar bears  with facilities that offer them space and variety.  The enclosure in Nuenen is a great example, of how one can fashion a good environment for polar bears without a huge financial outlay.  I think it would be gratifying to see this example imitated.  The tendency in Germany and in the USA is to build polar bear facilities, that cost up to US$ 15 million, and which result in many outdated enclosures not being refurbished, because the money isn’t there.  Zoo authorities often tell me that this is because many zoo visitors only want to see flashy new enclosures.  In the end, it’s the animals that suffer. 

Eisbärin Noordje im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Eine Überarbeitung des Säugetiergutachtens ist dringend notwendig,  aber Forderungen danach, bestimmte Tierarten grundsätzlich nicht mehr in den Zoologischen Einrichtungen zu halten, führt nicht dazu, dass sich die Situation in den Zoos verbessert. Sie verlängern nur die Verhandlungen und behindern eine positive Entwicklung. Alle die gerne in den Zoo gehen, sollten Politikern und Tierschützern deutlich machen, dass sie mit diesen Forderungen nicht einverstanden sind. Von mir bekommen sie jedenfalls eine Rote Karte.

New thinking on the housing of mammals is badly needed. But claims that certain species should no longer be kept in zoos won’t improve the situation in zoos.  They only prolongate the negotiations and obstruct a positive result.  Those who love to visit zoos should make obvious to animal rights activists and politicians that they do not agree with this point of view.  From me, anyhow, it’s thumbs down.

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4 Antworten zu “Nuenen: Pixel und Noordje und meine Gedanken zur Haltung von Eisbären

  1. Ulli,
    wie immer – wie vernünftig und doch liebevoll beobachtet. Wie Recht du hast. Beneide dich um deinen Ausflug:)
    l.g. adele

  2. Liebe Ulli,

    das hast du sehr schön geschrieben! Ich bin auch der Meinung, dass die Verantwortung beim Menschen eher darin liegt, den Tieren entsprechende Unterbringungen zu ermöglichen und das Problem nicht darin liegen kann, dass man diese Tiere gar nicht mehr zeigt!

    Ich danke dir aber vor allem auch für die traumhaften Bilder! Man kann sich daran gar nicht sattsehen!

    Liebe Grüße
    Claudia

  3. Hallo Ulli,

    das ist ein sehr vielschichtiges, komplexes Thema. Ich bin genau deiner Meinung, aber ich denke so eine differenzierte Meinung kann man nur haben, wenn man sich ausführlich mit der Thematik auseinandergesetzt hat. Leider stelle ich immer wieder fest, dass viele Tierschützer vorschnell urteilen, bevor sie sich mit der Situation intensiv und möglichst objektiv auseinandergesetzt haben. Und oftmals wird so eine differenzierte Haltung durch Emotion blockiert … das kennen wir alle nur zu gut aus der Geschichte von Knut.

    Und auch die sog. „Sachverständigen“ scheinen sich oftmals nicht so große Mühe bei der Ausübung ihrers Jobs zu geben. Sie scheren dann alle „Tierschützer“ über einen Haufen, und verziehen genervt das Gesicht wenn man als Besucher ernsthaft um das Wohl der Tiere besorgt ist.

    Auf beiden Seiten gibt es großen Nachholbedarf!

    Nicht zu unterschätzen ist vermutlich auch noch die individuelle Bereitschaft der jeweiligen Pfleger und Zookuratoren, für ihre Schützlinge ihr jeweils bestes zu geben, auch wenn das Gehege nicht allzuviel hergibt.

    Wo ich persönlich allerdings grundsätzlich die Haltung von Eisbären verurteile, das ist in Ländern wie Singapur, wo das Klima einfach immer tropisch heiß ist, und ein Eisbär nur in einem dauerhaft klimatisierten Gehege untergebracht werden kann. Ich bin der Meinung, dass das nicht sein muss, um jeden Preis.

    Viele Grüße,
    Nene

  4. hallo ulli,
    heute ist wohl gedankentag 😉
    natürlich möchte ich eisbären und co.in den zoos sehen.
    rote karten zeige ich nur uneinsichtigen menschen.
    das können tieschützer aber auch genauso gut eine schlechte zootierhaltung sein,besonders wenn sie auch noch als „gut „verkauft wird.
    l.g.martina

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