Wie viele Besucher bringt ein kleiner Eisbär?

Im Zoo am Meer wurde also ein Eisbärenbaby geboren und bis jetzt sieht alles prima aus. Die Eisbärin Valeska kümmert sich gut um ihren Nachwuchs. So weit so gut. Doch was ist die Reaktion des Bremerhavens Stadtkämmerer Michael Teiser (CDU)? Er rechnet sich schnell einmal aus, was so ein Eisbärenbaby für die Kasse des Zoos und damit auch für die Finanzen der Gemeinde bedeuten könnte. Er sieht das als seine Aufgabe an, denn schließlich unterstützt die Stadt den kleinsten Zoo Deutschlands mit 900.000 Euro pro Jahr. Er rechnet sich mal schnell aus, dass ein kleiner Eisbär etwa 50.000 Besucher mehr im Jahr ausmacht und dass das rund 200.000 Euro mehr Einnahmen für den Zoo bedeuten würde. Also müsse man sich nun ganz schnell, um eine Vermarktungsstrategie kümmern.

At the Zoo am Meer, a cub was born and so far all seems good.  The female Valeska cares for her baby.  So far, so good.  But what is the reaction of the Bremerhaven City Treasurer Michael Teiser (CDU, Christlich-Demokratische Union = a political party).  Immediately he’s figuring an increase in zoo revenue, thus also for the town.  It is his job.  After all, the city supports  the smallest zoo in Germany 900,000€ per year. So the City Treasurer hopes that the cub pays for itself quickly, when it attracts perhaps 50,000 extra visitors this year and that will net the zoo about 200,000€.  So now, one must quickly form a marketing strategy. 

Die Direktorin des Zoos am Meer sieht das ein wenig anders. Nicht, dass sie sich nicht auch über mehr Besucher im Zoo am Meer freuen würde. Doch in erster Linie liegt ihr das Wohl des jüngsten kleinen Bewohners des Zoos am Herzen. Zuviel Rummel könnte dem kleinen Eisbären schaden.

The Director of the Zoo am Meer sees it a little differently.  Not that she wouldn’t be happy to see more visitors at the zoo, but her first and most important priority is the well-being of the little polar bear.  Too much hype could endanger the little bear.

2014.01.07 Bremerhaven

Foto: Zoo am Meer

2013 besuchten rund 255.000 Menschen den Zoo am Meer. Das sind rund 3,6 % mehr als im Vorjahr. Ein gutes Ergebnis in einem Jahr mit eher schwierigem Wetter für Freizeiteinrichtungen, die an der frischen Luft stattfinden. Ein kaltes Frühjahr mit Schnee bis Ostern und ein heißer Sommer haben in anderen Tiergärten für schlechte Zahlen für 2013 gesorgt. Der Zoo Hannover befürchtete im Dezember, dass die Besucherzahlen 2013 um fast 9 % zurückgehen würden, auch in Duisburg, Köln, Leipzig und Nürnberg berichtet man von einem Besucherrückgang. In Bremerhaven hat sicher die Eröffnung des Nordsee-Aquariums im Zoo am Meer im Herbst 2013 geholfen, dass mehr Menschen in den Zoo kamen.

In 2013, about 255,000 people visited the Zoo am Meer.  That’s an increase of 3.6% more than the previous year.  That’s a good result for a year of much bad weather which was hard on open-air facilities.  In the spring, it was cold, and there was snow at Easter, then a hot summer that resulted in bad figures for other zoos in 2013.  The Hanover Zoo reported in December that visitor number had decreased about 9%.  It was the same in Duisburg, Cologne, Leipzig, and Nuremberg.  In Bremerhaven, certainly the opening of the North Sea Aquarium exhibit in fall 2013 attracted more people to the zoo.

Kämen im Jahr 2014 tatsächlich 50.000 Besucher mehr, dann wären das so viele Besucher wie im Spitzenjahr 2009. Doch ist ein solcher Besucherzuwachs nur wegen eines Eisbärenjungtiers tatsächlich eine realistische Schätzung? Da lohnt es sich doch einmal andere Beispiele anzuschauen.

There were about 50,000 more visitors in 2014.  That was as many people as in the peak year of 2009.  But is it realistic to expect growth in visitors solely on account of a baby polar bear?  It seems worthwhile to look at some other examples.

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Foto: Knut bei seinem ersten „Presseauftritt“ von Petra Prager – Photo:  Knut, at his first “press conference” by Petra Prager

Jeder denkt da natürlich sofort an Knut und das Jahr 2007 als über 600.000 Menschen mehr in den ohnehin schon gut besuchten Berliner Zoo strömten, um das niedliche Eisbärbaby mit seinem Ziehvater bewundern zu können. Das entsprach einem Zuwachs von etwa 24 %. Doch bei diesem Knuthype spielten viele Faktoren eine Rolle, die sich nicht einfach mit einer geschickten Marketingstrategie wiederholen lassen.

Of course everyone immediately thinks of Knut and the events of 2007, when more than 600,000 people flocked to the already busy Berlin Zoo to admire the cute polar bear cub and his foster father.  They represented an increase of something like 24%.  But in the case of Knut, many factors played a role that cannot easily be reproduced with a clever marketing strategy.

Eisbärin Flocke im Tiergarten Nürnberg

Foto: Flocke im Juli 2009, da waren die Besucherzahlen schon wieder gesunken. – Photo:  Flocke in July 2009.  Since then, visitor figures have dropped again.

Die ebenfalls handaufgezogene Eisbärin Flocke bescherte 2008 dem Tiergarten Nürnberg einen Zuwachs von fast 220 000 Besuchern oder 20,6 Prozent. Während im gleichen Jahr in Stuttgart Wilbär zwar ebenfalls für ein Rekordergebnis von rund 2.350.000 Besuchern sorgte, was aber nur einem Zuwachs von weniger als 7 % entsprach.

In 2008, the hand-raised female cub Flocke at the Nuremberg Zoo, attracted 220,000 visitors more, an increase of 20.6%.  During the same year in Stuttgart, Wilbär brought about 2.35 million visitors, only an increase of 7%.

Wilbär im Oktober 2008

Foto: Wilbär im Oktober 2008

Den Besucherzuwachs im Tiergarten Nürnberg im Jahr 2011 von über 31 % kann man nicht alleine den beiden Eisbären Gregor und Aleut zurechnen, den erstens war das Jahr 2010 aufgrund schlechter Witterungsverhältnisse in fast allen Zoos in Deutschland und auch in vielen Zoos in Europa ein Jahr mit sehr niedrigen Besucherzahlen und zweitens hat die im Sommer eröffnete Delphinlagune sicher auch zu den ansteigenden Besucherzahlen beigetragen.

In 2011, attendance figures at the Nuremberg Zoo jumped over 31%, but one cannot attribute all of that to the two polar bear brothers Gregor and Aleut.  There was horrible weather in summer 2010 that impacted almost every other zoo in Germany, indeed in Europe, with low attendance figures.  There was also, in summer 2011, the opening of the Dolphin Lagoon which certainly will have impacted attendance figures.

Eisbärjungtier Anori im Zoo Wuppertal

Foto: Anoris erster „Pressetermin“ – Photo:  Anori’s first “Media Event”

Da sollte man vielleicht eher die letzte in Deutschland geborene und aufgezogene Eisbärin Anori und die Entwicklung der Besucherzahlen im Zoo Wuppertal als Vergleich heranziehen. Im Jahr 2011 besuchten rund 617.000 Menschen den Zoo Wuppertal, im Jahr 2012 nach Anoris Geburt im Januar waren es 601.000 also rund 2,6 % weniger und man kann nicht behaupten, dass Anori nicht häufig genug in den Medien vertreten war. An dem Rückgang ist allerdings auch die teilweise nicht fahrende Schwebebahn und die schlechte gastronomische Situation des Zoos Wuppertal schuld. Doch beweist dies, dass ein kleiner Eisbär nicht unbedingt mehr Besucher bedeuten muss, auch wenn das Marketing gut ist.

I think it’s a good idea to look at the last example of Anori whose birth and development at the Wuppertal Zoo, is perhaps more comparable.  In 2011, around 617,000 visited the Wuppertal Zoo.  In 2012, after Anori’s birth in January, there were 601,000, about 2.6% fewer.  You couldn’t argue that Anori did not frequently appear in the media.  Also to blame should be the monorail and the bad food problem at the zoo.  So, this proves that a polar bear cub doesn’t mean many more visitors, even with a good marketing plan.

Eisbär Ranzo im Ranua Zoo

Foto: Ranzo im Juni 2012

Man kann auch über die Grenzen schauen. Dem Zoo Ranua in Finnland, der rund 70 Kilometer südlich des Polarkreises liegt, brachte nach Informationen der Gemeinde die Geburt des ersten Eisbären Finnlands 2012 einen Besucherzuwachs von 63 %. Und das ist kein einmaliger Anstieg. In den Skandinavisk Dyrepark in Kolind in Dänemark kamen im Jahr 2012, als man den handaufgezogenen Eisbären Siku zum ersten Mal bewundern konnte, 64 % mehr Besucher. Die Besucherzahlen stiegen von 52.900 auf 86.800. Doch das ist auch für Dänemark ein ungewöhnlicher Anstieg, der vielleicht auch einer guten Werbestrategie mit eigener Facebookseite und Webcam zu verdanken ist. In den Zoo Aalborg kamen 2009 nach der Geburt von Milak ungefähr 26.000 Besucher mehr, etwa 7 %, und nach Augos Geburt waren es im Jahr 2011 51.000 Besucher oder etwa 16 % mehr, aber auch hierbei muss man berücksichtigen, dass auch in den Zoos Dänemark im Jahr 2010 besonders wenige Besucher verzeichnet wurden. Die Besucherzahl 2011 lag mit 376.500 noch unter der Zahl von 2009 mit über 398.000 Besuchern.

Looking across the borders, one can cite the Ranua Zoo in Finnland, which is only about 45 miles south of the Arctic Circle, in 2012 where the visitor count was up 63%.  And they are not alone.  In the ScandinavianWild Animal Park in Kolind, Denmark, they had 64% more visitors in 2012, largely because the hand-raised polar bear Siku could be viewed for the first time.  Visitor figures rose from 52,900 to 86,800. It may be attributed to a good advertising strategy, along with a Facebook page and a webcam for Siku.  At the Aalborg Zoo in 2009, Milak was born and visits to the zoo’s attendance rose by 26,000 or 7%. After Augo’s birth in 2011, there were 51,000 more visitors, something like 16% more.  But we have to add that in 2010, fewer visitors were recorded elsewhere as well.  The number of visitors in 2011 lagged 375,600 behind the 2009 total of 398,000 visitors.

Eisbärnachwuchs im Ouwehands Dierenpark

Foto: Siku und Sesi im Februar 2011

In den Niederlanden musste der Diergaarde Blijdorp in Rotterdam 2011 trotz der Geburt von Vicks sich mit einem Besucherrückgang von rund 50.000 Besuchern abfinden, was etwa 3 % entsprach. Während die Geburt von Sesi und Siku dem Ouwehands Dierenpark im selben Jahr rund 30.000 Besucher oder 3,3 % Besucher mehr bescherte. Die beiden letzten in den Niederlanden geborenen Eisbären Pixel und Noordje sind sicher zu einem großen Teil verantwortlich für den Besucheranstieg im Dierenrijk in Mierlo in letzten Jahr von rund 20 %. Etwa 215.000 Menschen besuchten den Zoo im Jahr 2013.

In 2011, in the Netherlands, the Blijdorp Zoo in Rotterdam, in spite of the birth of Vicks, there was recorded a decrease of about 50,000 visitors, about 3%.  That same year at the Ouwehands Zoo, the births of Sesi and Siku attracted 30,000, or 3.3%, more visitors.  The last two in the Netherlands, Pixel and Noordje certainly are in large part responsible for the increase in visitor figures in Mierlo last year of around 20%.  Something like 215,000 people visited that zoo in 2013.

Eisbären Pixel und Noordje im Dierenrijk in Nuenen bei Eindhoven

Foto: Pixel und Noordje im Februar 2013

So ein kleiner Eisbär kann also alles bedeuten von – 3% bis zu + 64%. Ich wünsche dem wirklich sehenswerten Zoo am Meer ein gutes Jahr 2014 mit vielen Besuchern, die sich hoffentlich über einen gesunden, munteren kleinen Eisbären freuen können und die gut übers Jahr verteilt den Zoo besuchen, damit nicht nur der kleine Eisbär und die anderen Bewohner des Zoos nicht gestresst werden, sondern auch die Mitarbeiter und die Zoobesucher selber. Vielleicht sollte man letzteres in die Marketingstrategie mit einbeziehen.

A little polar bear’s birth could result in anything, from -3% to +64%.  I wish the really worthwhile Zoo am Meer a good year for 2014, with many visitors.  They can look forward to a healthy and lively little polar bear, and that visitors will be well-distributed over the year, so the cub and other zoo animals won’t be stressed, not to mention zoo staff and visitors as well.  Perhaps we should that part of their marketing strategy.

Anlass meiner Überlegungen:

Here’s my source:

http://www.radiobremen.de/nachrichten/land_und_leute/vermarktung-eisbaerbaby100.html

Die Besucherzahlen stammen aus den Veröffentlichungen des VDZ, von Danmarks Statistik, dem Centraal Bureau voor de Statistiek der Niederlande und der Gemeinde Ranua.

Visitor figures were taken from publications by the VDZ (Verband Deutscher Zoodirektoren = Council of German Zoo Directors), from Denmark’s statistics, from the Central Statistical Office in the Netherlands, and from the town of Ranua.

4 Antworten zu “Wie viele Besucher bringt ein kleiner Eisbär?

  1. Vielen Dank für deine ausführliche Statistik, man sieht das man immer alles von zwei Seiten betrachten muss. Man kann dem Zoo Bremerhaven und dem Zoo München zu dem Zuwachs der Eisbären gratulieren. Der Rummel um die Tiere wird sicher nicht ausbleiben und das bedeutet sicher für die Tiere und den Pflegern Stress, hoffe das er sich in Grenzen hält. Mögen die Jungtiere gut gedeihen, das ist erst einmal das Wichtigste.
    Liebe Grüße
    Gudrun

  2. Ich würde mal ‚abwarten und Tee trinken‘.
    Dass es einen Hype wie in Berlin geben wird glaube ich ganz und gar nicht.
    Natürlich wird es mehr Besucher geben,
    aber sie müssen sich ja nicht vor der Scheibe drängeln. Es gibt offene Sichtmöglichkeiten und man hat auch einen guten Überblick von beiden Terrassen.
    An besonders gut besuchten Tagen wird der Besucherstrom dann gelenkt werden müssen.
    Anwohner rund um den Zoo am Meer gibt es nicht und die Gaststätte(n) und das Hotel, sowie das Mediterraneo werden sich über mehr Besucher freuen.

    Man wird es hanseatisch regeln hoffe ich und wünsche dem Baby weiter gutes Gedeihen.

    Danke für deinen großartigen Beitrag Ulli.

    LG Brigitte

  3. Danke für das Aufbereiten der Statistiken, die doch ein recht unterschiedliches Bild zeigen. Ich hoffe, die Wellen in Bremerhaven legen sich bald und weichen einer vernünftigen Sichtweise. Der Zoo ist klein und würde riesige Menschenmassen gar nicht vertragen. Ich wünsche Valeska und ihrem Kind viel Glück, dem Zoo ein gutes Händchen bei der Handhabung und den Zuschauern sowie den Pflegern viel Spaß mit dem Kind und den anderen sehenswerten Tieren. Bitte keinen unnötigen Stress aufkommen lassen!

  4. Liebe Ulli,
    das sind wichtige und sehr interessante Überlegungen. Natürlich kann jeder Zoo Mehreinnahmen sehr gut gebrauchen und es ist auch gut, wenn mehr Geld für die Tierhaltung zur Verfügung steht. Auf der anderen Seite ist der „Rummel“ vor dem Eisbärengegege nicht gerade sehr erholsam für die Tiere, das Personal und auch nicht für die Besucher – ganz zu schweigen von den Anwohnern rund um die Zoos.
    Der Rummel wird aber wohl nicht aufzuhalten sein und auch mir graust es schon jetzt davor, wenn sich die Menschenmassen dann in Hb vor die Scheibe drängeln. Jegliche Form einer „Hype“ ist unerfreulich (= Stress) und ich würde zu gerne wissen, was die Tiere davon halten…….

    Bärige Grüße, caren

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