Mulhouse: Eine Verhaltensbiologin bei Tina, Vicks und Sesi

Mulhouse, 21. Oktober 2014

Für das Wohlbefinden der Eisbären setzt der Zoo Mulhouse auf wissenschaftliche Kompetenz.

Der Zoo Mulhouse hat mit der Eröffnung der neuen Eisbärenanlage im April 2014 einen bedeutenden Schritt in die Zukunft getan. Es wurde eine moderne, große Anlage geschaffen, die den Eisbären, Tina, Vicks und Sesi, ein abwechslungsreiches Gehege bietet, dass es den Tieren es ermöglicht, ihr natürliches Verhalten auszuleben. Doch schnell konnte man erkennen, dass es nur ein erster Schritt zu einer wirklich guten, modernen Eisbärenhaltung war.

Eisbären Vicks und Sesi im Zoo de MulhouseEisbären Vicks und Sesi im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Eisbären Vicks und Sesi im Parc zoologique et botanique de MulhouseEisbären Vicks und Sesi im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

„Pas de deux“ – Vicks und Sesi am 30. Mai 2014

Obwohl die beiden jungen Eisbären Vicks und Sesi einige Wochen hinter den Kulissen Zeit hatten, sich an die neue Umgebung zu gewöhnen und obwohl sie beide vorher auf modernen Anlagen in Rhenen, Rotterdam und Orsa gelebt hatten, konnte man beobachten, dass sie sich nicht sofort in Mulhouse zuhause fühlten.

Eisbärin Tina im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Tina schmeckt das Gras – 30. Mai 2014

Bei unserem Besuch im Mai 2014 liefen Vicks und Sesi in einer Art „Pas de deux“ lange Zeit an der Kante des großen Wasserbeckens entlang. Irgendwann wurde Sesi müde, buddelte sich eine Kuhle in den Mulch und schlief ein, während Vicks seine Wanderung bis hin zur Fütterung fortsetzte, unterbrochen nur durch kurze Spielphasen im Wasserbecken. Tina war allein in der rechten Anlage und schien sich wohler zu fühlen. Sie durchstreifte die gesamte Anlage, rollte sich im Gras und futterte begeistert das frische Grün, das sie nach langen Jahren auf Beton zum ersten Mal unter den Tatzen hatte.

Eisbär Vicks im Parc zoologique et botanique de MulhouseEisbär Vicks im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Eisbärin Sesi im Parc zoologique et botanique de MulhouseEisbärin Sesi im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Oben Vicks, unten die müde Sesi – 30. Mai 2014

Nun ist so ein einzelner Zoobesuch nur eine Momentaufnahme und das Verhalten der Tiere an diesem speziellen Tag sagt nichts über ihr Wohlbefinden aus. Die offenbar vorhandene Unruhe bei Vicks und Sesi konnte viele Ursachen haben. Doch die Berichte von anderen Zoobesuchern und ein Gespräch mit den Tierpflegern machten deutlich, dass das Verhalten der Eisbären, das wir beobachtet hatten, kein Einzelfall war. Auch Tina zeigte von Zeit zu Zeit Stereotypien.

Eisbärin Tina im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Tina ziemlich relaxed – am 30. Mai 2014

Grund genug für den Zoo de Mulhouse einen zweiten Schritt zu tun. Man ruhte sich nicht darauf aus, dass die Tierpfleger und der Tierarzt des Zoos über einige Erfahrung in der Haltung von Eisbären verfügen, sondern suchte den Rat einer externen Expertin.

Sabrina Brando, eine Verhaltensbiologin aus dem Niederlanden, die weltweit Zoos, Forschungseinrichtungen und andere Tierhaltungen berät und an internationalen Forschungsprojekten beteiligt ist, kam mehrere Tage in den Zoo, um Tina, Vicks und Sesi zu beobachten. Ein besonderer Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit ist die Haltung von Meeressäugern.

Foto: Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Foto: Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Ihre Beobachtungen und Ratschläge führten im Zoo de Mulhouse zu vielen Veränderungen im Umgang mit den Eisbären. Zunächst wurde der Zeitplan der Fütterung geändert. Ursprünglich wurden die Eisbären am Abend gefüttert, um sie in die Innengehege zu locken, wo sie die Nacht verbrachten. (Eine Routine, der sich Tina verweigerte, weshalb sie zunächst getrennt von Vicks und Sesi untergebracht war.) Nun bekommen die Tiere die Hauptmahlzeit am Morgen. Das verhindert, dass die Eisbären den ganzen Tag über immer wieder vor dem Schieber zum Innengehege hin- und herwandern, weil sie darauf warten, dass die Tür sich öffnet und sie endlich zu fressen bekommen. Unregelmäßig über den Tag verteilt gibt es weitere Leckerbissen oder Spielzeug, dass ihren Alltag bereichert. Die Tür zu den Innengehegen bleibt dauerhaft geöffnet, sodass die Tiere sich zurückziehen können, wenn sie es wollen, aber auch Tag und Nacht das Außengehege nutzen können.

Eisbär Vicks im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Am Morgen: Vicks hat Spaß und seine Zuschauer auch am 3. Oktober 2014

Eisbären sind intelligente und neugierige Tiere, die stets neue Anregungen und Aufgaben brauchen, damit sie sich nicht langweilen. Dabei geht es ums Fressen und um Spaß beim Spielen mit immer wieder anderen Spielzeugen.

Eisbärin Sesi im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Am Mittag: Sesi auch am 3. Oktober 2014

Während Tina, Vicks und Sesi am Morgen drinnen ihr Frühstück genießen, präparieren die Tierpfleger ihre Anlage mit kleinen Leckereien, die zwischen Steinen oder in Baumstümpfen versteckt werden. Honig oder Sirup wird auf Baumstämme gesprüht oder als Spur auf dem Boden verteilt. So sind die Tiere am Vormittag damit beschäftigt, die Leckerbissen aufzuspüren. Sie sind quasi wie die Eisbären in der Wildnis auf der Jagd. Nur stecken sie den Kopf nicht in ein Loch im Eis, um eine Robbe zu erbeuten, sondern in ein Loch im Baum und die Beute ist vielleicht eine Möhre.

Eisbärin Tina  im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

 Tina schaut zu am 3. Oktober 2014

Holzkugeln, Kunststoffkegel, Holzstämme, Kanister, Tonnen oder Bojen dienen als Spielzeug. Material mit den Gerüchen anderer Tiere wird in der Anlage verteilt, wie Stroh aus anderen Tieranlagen, Schafwolle oder Streu von Huftieren, um den Geruchssinn der Eisbären zu stimulieren.

Eisbäin Sesi im im Parc zoologique et botanique de MulhouseEisbär Vicks im im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Eisbär Vicks im im Parc zoologique et botanique de MulhouseEisbär Vicks im im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Außerdem wurden Kameras innerhalb und außerhalb des Innengebäudes angebracht, um den Tagesablauf der Eisbären aufzuzeichnen und mit Hilfe der daraus gewonnen Beobachtungen, die Haltung weiter zu verbessern. In einem schriftlichen Übergabeprotokoll werden die Beobachtungen des Tages festgehalten, sodass durch einen Schichtwechsel bei den Tierpflegern keine Unterbrechung der Maßnahmen eintritt. Das ganze Team ist sich seiner Verantwortung bewusst und bereit sich dafür einzusetzen, dass es Tina, Vicks und Sesi gut geht.

Eisbäein Tina Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Als Nachtisch einen Kürbis, auch für Tina.

Wir waren am 3. Oktober wieder im Zoo de Mulhouse und konnten beobachten, dass die Bemühungen Erfolge zeigen. Am Morgen spielte Vicks ausgelassen im Wasser und unterhielt damit besonders die zahlreichen Kinder, die ihm zuschauten. Beide Parteien hatten ihren Spaß, der Eisbär im Wasser und die Menschen vor der Scheibe. Zwar liefen Sesi am Rand des Beckens und Tina am Zaun am Ende der rechten Anlage einige Zeit hin- und her, doch nur für eine kurze Zeit. Um die Mittagszeit zog sich Vicks ins Innengehege zurück und Sesi spielte im Wasser mit einem großen Bottich, während Tina, die sich nun auch im linken Gehege aufhielt, am Wasserbecken lag und das Ganze sichtlich entspannt zu überwachen schien.

Eisbärin Sesi im Parc zoologique et botanique de MulhouseEisbärin Sesi im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

„Noch keiner da“, denkt Sesi

Um 15:00 findet im Zoo de Mulhouse immer die Eisbärenfütterung statt. Es war schön zu sehen, dass dies bei keinem der Eisbären im Vorfeld eine besondere Unruhe hervorrief. Sesi hörte zwar kurz vor drei mit ihrem Spiel auf, richtete sich auf und schaute einmal nach, ob ihr „Servicepersonal“ schon mit dem Nachmittagssnack da war, aber nur um dann im Innengehege zu verschwinden. Es schien fast so, als wollte sie Vicks daran erinnern, dass nun Zeit für die „Show“ sei. Tatsächlich kam Vicks kurz danach gefolgt von Sesi wieder heraus und spielte sofort wieder im Wasser. Die Leckereien, die dann ein Pfleger ins Wasser warf, wurden von den jungen Eisbären mit viel Begeisterung aus dem Wasser erbeutet. Die Seniorin Tina wartete geduldig an ihrem Ruheplatz an Land, bis ein Happen in ihrer Nähe landete, den ihr auch niemand streitig machte. Nach der Fütterung verschwand sie im Innengehege, während Vicks und Sesi noch lange miteinander im Wasser spielten.

Eisbären Vicks und Sesi  im im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Manchmal haben Vicks und Sesi auch einfach nur Spaß miteinander.

Irgendwann hatte dann Sesi genug von den Raufereien. Sie kletterte aus dem Wasser, untersuchte das eine oder andere Spielzeug, das im Gehege herumlag, stromerte durch die linke Anlage und wanderte schließlich mit der Nase am Boden in die rechte Anlage hinüber. Es roch offenbar interessant. Auch hier wurde ein schwarzer Bottich, der im kleinen Wasserbecken schwamm, untersucht und zwischen Steinen nachgeschaut, ob es da noch etwas zu futtern gab. Manch ein herumliegender Baumstamm schien sehr verführerisch zu duften und musste genauestens untersucht werden.  Vicks, dem es alleine im Wasser zu langweilig wurde, folgte ihr nach einiger Zeit und suchte sich einen Platz oben auf der Höhle des rechten Geheges, wo er es sich gemütlich machte. Von dort aus hatte er einen guten Blick über die Anlage und die Menschen davor und auf Sesi, die immer noch mit ihrer Nase allerlei Interessantes entdeckte.

Eisbärin Sesi  im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

„Leckerer Duft!“, denkt Sesi.

Natürlich ist auch das, was wir am 3. Oktober beobachtet haben, nur eine Momentaufnahme. Doch wir haben den Eindruck, man ist auf dem richtigen Weg. Weiter so!

Eisbär Vicks im Parc zoologique et botanique de Mulhouse

Quelle – Source:

http://www.zoonaute.net/mulhouse-2014-101ours.html

Sabrina Brando wurde 1971 in den Niederlanden geboren. Nach einem Praktikum im Artis in Amsterdam, studierte sie in den USA und erwarb einen Bachalor in Psychologie und Tierverhalten. Sie gründete 2004 „Animal Concepts“ und ist als Beraterin für Tierhaltung und Tierschutz tätig. In Europa war sie u. a. für die Zoos in Aalborg, Kopenhagen, Rhenen, St. Petersburg und Moskau tätig.

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4 Antworten zu “Mulhouse: Eine Verhaltensbiologin bei Tina, Vicks und Sesi

  1. Vielen Dank Ulli, das klingt richtig gut.
    Frau Brando wird hoffentlich noch von vielen anderen Zoos und Tierparks angefordert werden.
    Liebe Grüße
    Brigitte

  2. Hallo Ulli,

    das ist ja toll, was da in Mulhouse gemacht wird. Ein Vorbild für viele andere Zoos. Und schön, dass es auch schon Erfolge zu sehen gibt.

    LG Elke

  3. Liebe Ulli!

    Vielen Dank für Deine spannenden und interessanten Beiträge der letzten Zeit!

    LG
    Yeo

  4. Danke für den interessanten Artikel!

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