Eisbärenbesuche: Eisbärische Annäherung – Viktor und Pixel im Yorkshire Wildlife Park

Doncaster, Mai/ Juli 2015

In den letzten Wochen hat sich einiges verändert in der Beziehung zwischen Viktor und seinem Enkel Pixel im Yorkshire Wildlife Park.

Eisbär Viktor im Yorkshire Wildlife Park

Wir waren Ende Mai dort und erlebten zwei Eisbären, die sich gegenseitige respektierten, aber einen direkten Kontakt vermieden. Das ist in ihrem 10.000 m² großen Gehege kein Problem. Es ist ausreichend Platz da, genügend Distanz zueinander einzuhalten.

Eisbär Pixel im Yorkshire Wildlife Park

Das ist für Eisbären im Zoo kein untypisches Verhalten. Eine Verhaltensstudie der Psychologen Michael J. Renner and Aislinn L. Kelly von der West Chester University in Pennsylvania aus dem Jahr 2006 stellte fest, dass Eisbären zur Vermeidung von Aggression sich bemühen eine soziale Distanz einzuhalten und Gehege deshalb so gestaltet sein sollten, dass ihnen dies möglich ist.

Eisbär Viktor im Yorkshire Wildlife Park

Viktor und Pixel zeigten bei unseren Besuch genau dieses Verhalten. Eine Tierpflegerin bestätigte uns, dass dies nicht nur an dem Tag unsers Besuches so war. Sie erzählte, dass beide Eisbären Respekt vor einander zeigten und vor allem Pixel bemüht sei, eine gewisse Distanz zwischen sich und seinem Großvater einzuhalten. Wenn Viktor sich ihm annähere, würde er weggehen. Dabei zeigten beide Eisbären keine Aggressionen.

Eisbär Pixel im Yorkshire Wildlife Park

Pixel spielte bei unserem Besuch mit verschiedenen Kanistern, Zweigen und Baumstämmen im Gehege und schwamm im Wasser, während Viktor die meiste Zeit entspannt im Gras lag und darauf herum kaute.

Eisbär Viktor im Yorkshire Wildlife Park

Viktor wirkte deutlich ruhiger als in Rhenen, wo er – vor allem dann, wenn er im Frühjahr während der Paarungszeit von den Weibchen getrennt untergebracht war – oft unruhig hin- und herlief. Es scheint ihm gut zu tun, nun in einem Zoo zu leben, wo er nicht den Duft einer Eisbärin in der Nase hat, die für ihn unerreichbar ist.

Eisbär Viktor im Yorkshire Wildlife Park

Aber das ist nicht der einzige Grund, warum Viktors Verhalten sich so deutlich verändert hat. Man hat sich in Yorkshire Gedanken darüber gemacht, wie man den Alltag der Eisbären möglichst interessant gestaltet. Bei einem gestandenen Eisbärmann wie Viktor reicht es da nicht, wenn man Spielzeug ins Gehege legt. Denn meist fesselt dies die Aufmerksamkeit eines erwachsenen Eisbären nur begrenzte Zeit und auch ein großes, abwechslungsreiches Gehege allein ist nicht genug, um die Tiere zu beschäftigen.

Im Yorkshire Wildlife Park nutzt man das Futter, um den Tagesablauf der Eisbären abwechslungsreich zu gestaltet. Das macht man in vielen Zoo so, doch anders als in den meisten anderen Tiergärten werden die Eisbären hier grundsätzlich nicht in den Innengehegen gefüttert. Wie in vielen anderen Zoos auch, sind die Eisbären fast immer auf der Außenanlage. Nur am Morgen und am Abend sowie für Trainingsstunden werden sie kurz in die Innengehege gelockt, damit die Außenanlage mit Futter „präpariert“ werden kann. Das Frühstück und das Abendessen der Eisbären werden über die Anlage verteilt, ins Gras gelegt oder zwischen Steinen versteckt. Am Morgen gibt es fünf Kilogramm Fleisch, drei Kilogramm Fisch, meist Makrelen und Sprotten, und drei Kilogramm Fett und am Abend 40 Kilogramm Fleisch mit Eiern und Mohrrüben als Beilage. Als zweites Frühstück werden kleine Fleischstücke, Äpfel, Melonen, Nüsse, Karotten und Fische in die Anlage geworfen. Es gibt aber auch Tage, an denen die Rationen weniger üppig ausfallen, schließlich können Eisbären in der Wildnis sich auch nicht jeden Tag den Bauch voll schlagen. Viktor und Pixel bekommen also ihre Mahlzeiten nicht mundgerecht serviert, sondern müssen ihre Nase einsetzen, um satt zu werden.

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Natürlich habe ich nachgefragt, wie man es schafft, dass Viktor und Pixel in die Innengehege kommen, wenn es dort kein Futter gibt. Ihre Tierpflegerin antwortete, dass die beiden äußert gut „erzogen“ seien und sofort kämen, wenn man sie rufe. Mit einem Augenzwinkern fügte sie allerdings hinzu, dass sie für dieses artige Verhalten auch mit einer besonderen Leckerei belohnt würden. Viktor mag besonders gerne Erdnussbutter-Sandwichs, Pixel steht auf Lebertran. Bei den Trainingsstunden gibt es daneben auch noch Äpfel, Möhren und Sardinen.

Eisbär Pixel im Yorkshire Wildlife Park

Den Eisbären scheint diese Art der Fütterung gut zu tun. Und sie genießen offensichtlich auch den großzügigen Platz, der ihnen in England zur Verfügung steht.

In der letzten Zeit haben sie auch die Distanz zu einander deutlich verringert. Ob es daran liegt, dass Pixel mutiger geworden ist oder Viktor mehr Interesse an dem jungen Kerl zeigt, der das Gehege mit ihm teilt, weiß ich natürlich nicht. Doch man kann verschiedene Foros und Videos im Internet finden, die zeigen, dass es zu – wenn auch noch vorsichtigen – Kontakten gekommen ist. Dabei kann man gut erkennen, dass Pixel immer noch ordentlichen Respekt vor seinem Großvater hat. Kein Wunder schließlich ist der deutlich größer und doppelt so schwer wie er. Viktor scheint nicht abgeneigt zu sein, ein bisschen mit seinem Enkel zu raufen. Es bleibt spannend, wie sich die Beziehung der beiden weiterentwickelt.

Es wird auch nicht mehr allzu lange dauern, bis weitere Eisbären in das zweite Gehege im Yorkshire Wildlife Park einziehen werden. Das war bei unserem Besuch im Mai nämlich schon so gut wie fertig. Nur das Gras benötigte noch ein bisschen Zeit zum Wachsen, bevor Eisbärentatzen es beanspruchen können. Wenn die neuen Bewohner die Vorliebe von Viktor teilen, dann braucht es jede Menge davon mit stabilen Wurzeln, denn der mampfte im Mai genüsslich Gras, als ob er sonst nichts zum Futtern bekommen hätte. Das zweite Gehege ist wie das erste rund 10.000 m² groß, leicht hügelig mit einer Höhle aus Felsblöcken und einem Wasserbecken gestaltet, das etwas kleiner ist, als das des Geheges von Viktor und Pixel.

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Gehege 2 im Mai 2015

Das dritte Gehege, das ursprünglich als zweites fertig werden sollte, war noch in etwa in dem Zustand, wie wir es im Juni vorigen Jahren, kurz vor der Eröffnung der Eisbärenanlage vorgefunden hatten. Hier mussten die Baumaßnahmen vorläufig eingestellt werden, da eine Gasleitung, die unter dem Gehege verläuft, besondere Sicherungsmaßnahmen erfordert. Man hofft aber, dass man in diesem Jahr noch weiter bauen kann und auch mit dem Bau des vierten Gehege soll bald begonnen werden. Wenn alles nach Plan verläuft, will man in der zweiten Hälfte 2016 fertig werden.

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Gehege 3 im Mai 2015

Die im Text erwähnte Studie: Behavioral Decisions for Managing Social Distance and Aggression in Captive Polar Bears (Ursus maritimus) von Michael J. Renner and Aislinn L. Kelly

10 Antworten zu “Eisbärenbesuche: Eisbärische Annäherung – Viktor und Pixel im Yorkshire Wildlife Park

  1. Pingback: YORKSHIRE WILDLIFE PARK | the buddy and the bear

  2. Ein fabelhafter Park und es wäre schön, wenn ich einen Besuch dort bewerkstelligen könnte. Ein Flughafen ist ja in der Nähe.
    Die Leute im Vereinigten Königreich verstehen es, mit wenigen Mitteln den Eisbären alles zu geben was sie brauchen.
    Toll.
    Ich hoffe, ihr plant auch in diesem Jahr einen Besuch dort und sehe mit Spannung eurem Bericht entgegen 😉
    Liebe Grüße
    Brigitte

  3. Hallo liebe Uli,

    vielen Dank für den absolut lesenswerten und sehenswerten Bericht von Viktor und Pixel aus dem Yorkshire Wildlife Park. Die Annäherung zwischen Großvater und Enkel finde ich richtig klasse und bin echt gespannt wie sich das Miteinander der beiden in der nächsten Zeit weiterentwickelt. 🙂

    Schön, dass es den YWP gibt, ein toller Platz für Eisbärenmänner. 🙂

    Viele Grüße
    ManuELA

  4. Hallo Ulli,

    danke für eure Eindrücke aus dem Wildlife Park. Ich finde die Gehege toll für Eisbären und es freut mich sehr, dass Pixel und Victor sich jetzt so gut verstehen.

    LG Elke

  5. Vielen Dank für diesen sehr interessanten Bericht aus Yorkshire. Dass es dort künftig vier Anlagen geben wird, habe ich gar nicht gewußt, danke für die umfangreichen Informationen. Ich bin auch gespannt, wer dort noch alles einziehen darf??? Vielleicht Nobby???

  6. Es macht Freude diesen Bericht zu lesen, liebe Ulli!
    Vielen Dank, das hat mir gut getan.
    Liebe Grüße
    Brigitte

  7. Herzlichen Dank für diesen aufschlussreichen Bericht mit den schönen Fotos! Der YWP ist offenbar eine großartige Einrichtung und ich finde es einfach nur toll, dass man solche Parks für Eisbären eingerichtet hat. Ich frage mich, ob da nicht in dem großen Deutschland auch mal so ein Plätzchen eingerichtet werden könnte? Aber das ist nur Wunschdenken;
    leider.
    LG Grüße aus Erlangen
    Heidi

  8. Diese Art und Weise der Fütterung kenne ich aus dem Bärenwald Müritz. Für einen Bären in Gefangenschaft (egal ob weiß oder braun) finde das so artgemäß wie irgend möglich. Die Bären danken es durch ihr Verhalten.

  9. Hallo Ulli,
    das ist ein sehr interessanter und aufschlussreicher Bericht.
    Ich bin gespannt, welche Baeren noch in diese Gehege einziehen werden – und ich bin der Meinung, dass sie mit dem Umzug dahin grosses Glueck haben werden!
    Schoen, wenn alles stimmt: Klima (einigermassen 🙂 !), Gehege und angebotene Beschaeftigung!
    Baerige Gruesse aus Kanada
    Christa

  10. sehr sehr lieben Dank , liebe Uli , wunderschön

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