Kopenhagen: Vorbereitungen einer Scheidung

Kopenhagen, 28. Oktober 2016

Es stimmt etwas nicht in der Beziehung zwischen Noel und Ivan/Boris im Zoo Kopenhagen. Das ist auch einigen Zoobesuchern aufgefallen und sie haben es auf den Facebookseiten des dänischen Fernsehsenders TV 2 gepostet. Boris und Noel zeigen Stereotypen und damit dass sie sich nicht wohlfühlen. Die Kommentatoren berichten davon, dass sie immer wieder hin- und herlaufende Eisbären beobachtet haben. Der wissenschaftliche Direktor des Zoos Kopenhagen, Bengt Holst, leugnet dies nicht. Er beantwortet die Fragen des TV Senders damit, dass es mit der „zwischenbärlichen Chemie“ bei Noel und Ivan/ Boris nicht stimme.

Das Foto ist aus dem Jahr 2013, da stimmte die Chemie zwischen Noel und Boris noch.

Wobei er natürlich getreu seinem Motto, dass die Tiere im Zoo Botschafter ihrer Art sind, jegliche Namensnennungen vermeidet. Er spricht konsequent von dem männlichen (hanbjørn) und dem weiblichen (hunbjørn) Eisbären. Was es für einen nicht dänisch sprechenden Leser, wie mich, schwieriger macht, den Text zu verstehen, weil mir Google ständig neue Übersetzungsmöglichkeiten für die beiden Worte anbietet. Man muss genau aufpassen, damit man auch wirklich versteht, ob es jetzt um das Weibchen oder das Männchen geht Wir bleiben aber lieber bei Noel und Ivan/Boris. Wobei ich mich nicht dazu durchringen kann, mich zwischen Ivan und Boris als Namen für den männlichen Eisbären zu entscheiden. Ivan wird der Eisbär wohl in Kopenhagen tatsächlich genannt – was die Zoobesucher aber ja eigentlich nicht wissen sollen – als Boris stand er ursprünglich im Zuchtbuch und so habe ich ihn kennengelernt und mich irgendwie daran gewöhnt. Ich bitte vorweg schon mal um Entschuldigung, wenn ich damit für Verwirrung sorge.

Boris oder Ivan oder Hanbjørn, je nach Geschmack, am 1. Mai 2016

Für Bengt Holst sind die Namen der Zootiere ein Zeichen für die zunehmende Vermenschlichung der Wildtiere in den Zoos und sollten deshalb vermieden werden. Für uns sind sie Ausdruck ihrer Individualität. Ein Eisbär ist sicher kein Mensch – auch kein halber – aber auch Eisbären haben unterschiedlich Charaktere. Es gibt da nette Kerle wie Lars, die scheinbar mit jedem Weibchen klar kommen, gute Väter wie Henk in Mierlo und Felix in Fasano, die ganz gegen die Verhaltensregeln ihrer Art unter den Luxusbedingungen im Zoo sogar mit ihrem Nachwuchs zusammenleben können, aber auch dominante Machos wie der verstorbene Troll im Tierpark Berlin, der ganz klar der Boss auf der Anlage war. Es gibt Eisbären, die richtig aufblühen, wenn sie die richtige Gesellschaft bekommen, selbst im hohen Alter, wie es Fanny und Elvis im Zoom in Gelsenkirchen waren, als die beiden noch lebten, und Zicken, wie die Viktoria, die nun ganz happy ist, dass sie in Schottland eine Anlage für sich allein hat. Viele Eisbärinnen legen keinen Wert auf männliche Gesellschaft – zumindest außerhalb der Paarungszeit. Das entspricht den Verhältnissen in der Natur, wo jeder männliche Eisbär eine Bedrohung für die Weibchen darstellt, wenn diese sich nicht gerade paaren wollen.

Noel am Morgen des 1. Mai 2016

Bengt Holst erklärte: „Unsere Eisbären passen sozial nicht gut zueinander. Sie sind einfach nicht gern zusammen und vor allem unsere Eisbärin versucht das Männchen zu meiden. Und das ist ein Problem. Sie schwimmt oft hin und her im Wasserbecken, weil sie sich unter Druck fühlt.“

Wenn man genauer wissen will, was der Zoodirektor mit dem Ausdruck „nicht sozial zusammenpassen“ meint, muss man eine anderes Online Medium zurate ziehen. Ekstra Bladet, eine dänische Boulevardzeitung, quasi das dänische Gegenstück zur BILD, wird auf seinen Internetseiten deutlicher. Die Probleme sollen in der Paarungszeit begonnen haben, wie Bengt Holst der Zeitung sagte: „Da war er natürlich sehr interessiert an ihr, aber sie nicht wirklich an ihm.“ Eine Paarung bei Eisbären in der Natur ist eine langwierige Sache. ER muss SIE erst einmal aufspüren, über Tundra oder Eis verfolgen und dann hoffen, dass kein Rivale in der Nähe ist und SIE ihn auch akzeptiert. Er muss um sie werben und die Eisbärin entscheidet, wann es so weit ist. Im Zoo ist das mangels Alternativen meist einfacher, aber auch da hat der Eisbär es manchmal nicht leicht. Wer daran zweifelt, sollte im Tiergarten Nürnberg einmal nachfragen, wo man im Frühjahr 2014 glücklich war, dass Felix Vera wenigstens einmal decken konnte, und im Winter 2014 noch glücklicher, dass das gereicht hatte und Charlotte geboren wurde.

Noel in Kopenhagen scheint sich ganz ähnlich zu verhalten: „In einer Minute war sie bereit, und ließ ihn zu sich kommen. Aber dann direkt danach, wollte sie ihn nicht mehr. Er wollte aber, weil sie immer noch attraktiv roch, und war gestresst. Und dann war sie gestresst, weil er sie unter Druck setzte“, berichtete Bengt Holst.

Obwohl der Zoo versuchte den Eisbären andere Herausforderungen zu geben, änderte sich an der Situation auch nach der Paarungszeit nichts. „Aber es half nichts, so müssen wir sie jetzt trennen. Die Bemühungen begannen vor einiger Zeit und jetzt wird er bald umziehen“, informierte der Zoodirektor. Der Zoo Kopenhagen sucht wohl schon seit einem halben Jahr nach einem neuen Zoo für Ivan. Dass das keine einfache Angelegenheit ist, kann man leicht nachvollziehen, wenn man daran denkt, wie schwierig es war, einen Platz für Vienna zu finden, für die Zeit, wo im Zoo Rostock die neue Eisbärenanlage gebaut wird. Es scheint nun so, dass ein neues Zuhause für Ivan/ Boris gefunden wurde und er in diesem Winter noch umziehen wird. TV 2 berichtet, dass in der ersten Hälfte des nächsten Jahres dann ein neuer männlicher Eisbär nach Kopenhagen kommen soll. Außerdem bemühe sich der Zoo auch um eine zweite Eisbärin. Hoffentlich wird der neue Kerl dann auch Noel gefallen und die Geschichte beginnt nicht wieder von vorne.

Beschäftigung von Noel im April 2013

Wir waren am 1. Mai im Zoo Kopenhagen und haben auch beobachtet, dass die beiden Eisbären mit der Situation im Gehege unzufrieden waren. Wobei sich diese Unzufriedenheit eher im Verhalten von Boris manifestierte. Noel war am Morgen zunächst sehr interessiert an dem Enrichment, dass die Tierpfleger für die Eisbären vorbereitet haben. Neben einem deftigen Frühstück aus großen Fleischbrocken, gab es Dung von Huftieren und einen Jutesack gefüllt mit Stroh, der wohl besonders verführerisch roch. Noel untersuchte konzentriert die Gerüche und spielte ausgiebig mit dem Sack. Boris hingegen schwamm am anderen Ende des Geheges Runden im Wasser.

Mittags war die Aufteilung der Eisbären genau umgekehrt. Noel spielte – ganz unstereotyp – im Wasserbecken und Boris wanderte unruhig, zwar mehr als die in den Artikeln angegebenen drei bis vier Meter, aber doch ziemlich gleichförmig am anderen Ende der Anlage hin- und her. Kurz waren einmal beide Eisbären im Wasser, als einer der Tierpfleger etwas vom Dach des Gebäudes hinein geworfen hatte. Ich glaube, es war ein Spielzeug, aber es kann auch etwas zu Fressen gewesen sein. Wir waren zu spät im Tunnel, um zu sehen, worum die beiden Eisbären sich zankten. Noel machte Boris schnell klar, dass er zu verschwinden habe. Und der gehorchte, obwohl er dem Weibchen körperlich deutlich überlegen ist.

Boris und Noel im April 2013 – Boris überlässt ihr das Fleisch einen Moment später.

Noel war dann eine ganze Zeit damit beschäftigt nachzuschauen, ob da noch mehr vom Dach herunterkomme. Boris beobachtete sie aus der Distanz und nahm seine Wanderungen wieder auf. Es war sehr voll im Zoo. Die dänischen Pfadfinder hatten ihren Zootag und waren schon am Morgen mit Gesang in den Zoo eingezogen. Hunderte Blauhemden belagerten die Anlagen und spielten auf den Grünflächen im Zoo. Und viele Kopenhagener nutzten den ersten sonnigen Sonntag nach vielen kalten Regentagen für einen Zoobesuch. Diese Unruhe hatte sicher auch einen Anteil daran, dass Ivan/ Boris gestresst wirkte.

Gibt es noch etwas?

Ich denke aber, dass eine andere Veränderung der Hauptgrund war. Die alte Eisbärenanlage des Zoos war mit dem männlichen Braunbären besetzt, weil im großen Braunbärengehege die Braunbärin mit ihren drei Jungtieren untergebracht war. Das große Gehege der alten Anlage stand bei unseren Besuchen im Frühjahr in den vergangenen Jahren immer den Eisbären zur Verfügung. (Was auch dem Konzept der Eisbärenanlage entspricht.) Wir konnten stets beobachten, dass sich Noel im Laufe des Tages dort hin zurückzog. Diese Möglichkeit war ihr jetzt versperrt.

Boris April 2014

Wir hatten schon 2014 beobachtet, dass sich an dem Verhältnis von Noel und Boris etwas geändert hatte. Sie hatten sich in den Jahren davor gut verstanden, miteinander gespielt und auch wenn sie nicht die gesamte Zeit eng beieinander waren, immer mal wieder im Laufe des Tages die Nähe des anderen gesucht. Bei unserem Besuch 2014 schien Boris eine deutliche Distanz zu seiner Partnerin einzuhalten und wenn sie sich trafen, jagte Noel das Männchen nach einiger Zeit energisch davon. Noel hat ganz klar die Hosen an im Eisbärengehege von Kopenhagen.

Noel war schon immer der Boss – Foto vom Juni 2009

Das erzählte auch der Zoodirektor TV 2: „Die Eisbärin kann ohne Probleme dem Männchen mit der Tatze deutlich machen, dass er verschwinden soll. Sie schuppst ihn und jagt ihn über die gesamte Anlage, aber das ist harmlos. Sie tut nur so als ob.“

In dem Artikel in der Boulevardzeitung erklärte er, dass es zwar heftig aussehe, wenn die Bären immer wieder die gleichen Bewegungen ausführten, dass es aber nicht gefährlich sei. „Dieses Verhalten entspricht einem Familienstreit. Man muss das natürlich in Angriff nehmen. Aber das bedeutet nicht, dass sie leiden. Es ist etwas, das zwischen ihnen nicht funktioniert, und wir tun jetzt etwas dagegen.“

Boris April 2013

Er berichtete, dass die Eisbären ohne Probleme seit Jahren zusammen gelebt hätten. Allerdings sei es nicht ungewöhnlich, dass Eisbären, wenn sie aufwachsen und geschlechtsreif werden, Konflikte entwickeln. „Sie waren sehr gern zusammen in der ersten Zeit, aber sie waren auch noch sehr jung und noch nicht in der Stimmung sich zu paaren. Es geschieht viel mit den Tieren, wenn sie paarungsbereit werden, und sie sind nicht mehr nur miteinander spielen“, kam Bengt Holst zum Schluss.

Am Ende unseres Besuches am Nachmittag ließen die Tierpfleger die beiden Eisbären schon recht früh in die Innenanlage. Sicher eine gute Entscheidung. Bei allen Besuchen im Zoo Kopenhagen konnten wir immer beobachten, dass man sich sehr viel Mühe gibt, den Alltag der Tiere abwechslungsreich zu gestalten und auf das Verhalten der Bären reagiert, z. B. indem man Ivan/ Boris durch ein Training an einem extra dafür eingerichteten Gitter ablenkte, als er gestresst oder gelangweilt wirkte. Auch Bengt Holst betonte gegenüber dem Fernsehsender, dass man sich weiterhin bemühen werde, den Eisbären neue Herausforderungen zu bieten.

Diese Erfahrungen im Zoo von Kopenhagen sprechen eigentlich dafür, dass es nicht unbedingt eine gute Idee ist, weibliche und männliche Eisbären schon zu verpaaren, bevor sie geschlechtsreif sind, denn das ist keine Garantie, dass sie sich später auch gut verstehen werden. Wenn die Tiere erwachsen sind, weiß man mehr über ihren Charakter und hat so wenigsten eine größere Chance zwei Tiere zusammenzubringen, die gut zueinander passen. Es wäre allerdings auch grundsätzlich gut, wenn es möglich wäre, Tiere schneller zu trennen, die sich offensichtlich nicht verstehen. Hier fehlt es an Flexibilität und Zusammenarbeit zwischen den Zoos. In jedem Fall sollte man neue Anlagen, auf denen man züchten will, so konzipieren, dass Männchen und Weibchen getrennt voneinander untergebracht werden und dass sie sich dann auch nicht sehen können. Wenn der Zoo Kopenhagen in der Zukunft tatsächlich zwei Eisbärinnen und ein Männchen halten will, sollte er unbedingt über zwei getrennte Eisbärengehege verfügen, von denen nicht eines durch andere Tiere belegt ist.

Quellen – Sources:

http://nyheder.tv2.dk/samfund/2016-10-28-koebenhavn-zoo-erkender-den-er-helt-gal-hos-isbjoernene

http://ekstrabladet.dk/nyheder/samfund/ulykkelige-isbjoerne-giver-problemer-i-koebenhavns-zoo/6373371

Artikel auf Englisch – article in English:

http://cphpost.dk/news/copenhagen-zoo-has-a-polar-bear-problem.html

2 Antworten zu “Kopenhagen: Vorbereitungen einer Scheidung

  1. Hallo Ulli,

    danke für den interessanten Artikel. Sofort fällt mir Kap ein….

    LG Elke

  2. Sometimes bears get along so well, as with Corinna and Anton, and sometimes they do not. We all wish the Copenhagen Zoo had designed a way to divide the new polar bear enclosure. It is such a large space, but it would be better to have two separate areas if needed, and better if they have cubs too, Bears get along better when they have some time separated.

    Since is a matter of personality, they could try switching with Boris‘ brother Kap. He might be more to Noel’s liking, and then Boris could try living alone just across the border in Germany.

    How awful that the director refuses to use their names! It is the fact that Noel and Boris are individuals that makes to social compatibility an issue.

    Thank you for this very interesting story about this pair. I hope it all works out for everyone.

    Molly

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