Berlin: Medien, Wissenschaftler und Tierschützer – Faktencheck

12. November 2016

Ich freue mich wirklich sehr darüber, dass Tonja im Tierpark Friedrichsfelde in Berlin Jungtiere zur Welt gebracht hat. Es ist bedauerlich, dass eines der Jungen mit großer Wahrscheinlichkeit tot ist und ganz klar ich drücke die Daumen, dass das andere Jungtier groß wird.

Es ist ein Zeichen für Transparenz, dass man die Geburt so früh mitgeteilt hat und so die Öffentlichkeit an der Freude über die Geburt, aber auch am Bangen um das Überleben der Jungtiere teilhaben lässt. Der wahrscheinliche Tod eines der Zwillinge ist traurig, aber sicher kein Drama.

Valeska mit Lale – eines von 12 Eisbären Jungtieren, die in den letzten 10 Jahren in deutschen Zoos aufwuchsen.

Auch in der Natur ist das Überleben der Eisbärenjungtiere ungewiss. Aufgrund von Studien, schätzt man, dass etwa ein Drittel der Eisbärinnen, die sich in Geburtshöhlen zurückziehen, diese wieder ohne Jungtiere verlassen.[1] Zwischen 30% und 38 % der Jungtiere, die mit ihren Müttern aus der Geburtshöhle herausgekommen sind, sterben bevor sie entwöhnt sind.[2] Diese Schätzungen unterschätzen allerdings die Jungensterblichkeit vermutlich, da die genaue Zahl der Jungtiere in der Wildnis, die schon in der Geburtshöhle sterben, unbekannt ist und man aus Beobachtungen in zoologischen Einrichtungen weiß, dass dort die Jungensterblichkeit am größten ist.

Wenn man nun die zahlreichen Berichte der Medien liest, bekommt man den Eindruck, dass auf diese Tatsachen zumindest einige Journalisten nicht wirklich vorbereitet sind. Da überschreibt zum Beispiel die Nord-West-Zeitung ihren Online Artikel mit „Tierbaby wohl tot: Wieder Eisbären-Drama im Berliner Zoo“ und beweist damit in der Überschrift neben der Übertreibung schon mal wenig Ortskenntnis, auch wenn in dem Artikel zwischen Tierpark und Zoo unterschieden wird.

Freedom – man sieht deutlich, dass es mehr als zwei Zitzen sind.

Gerne werden Informationen weitergegeben, die nicht wirklich fundiert recherchiert sind. In einem Artikel der Berliner Morgenpost, der dann von anderen Medien einfach wörtlich übernommen wurde, wird z. B. ein Wissenschaftler vom IZW zitiert: „Eisbären können ein bis vier Junge bekommen ‚Ein Weibchen kann aber maximal zwei aufziehen, denn es hat nur zwei Zitzen.'“ Das ist schlichtweg falsch. Jeder der schon einmal eine Eisbärin beobachtet hat, die ihre Jungen säugt, hat es bestimmt gesehen. Eisbärinnen haben vier Zitzen und die Jungtiere bedienen sich mal oben, mal unten an der Milchbar.  Ich habe da sogar ein Beweisfoto, auf dem allerdings eine der Zitzen vom Vorderbein Freedoms verdeckt wird. Drillinge, die aufwachsen, sind zwar selten, werden aber in der Arktis regelmäßig beobachtet und auch in Zoos ab und zu groß gezogen. Es sind sogar schon Eisbärinnen in der Wildnis mit vier Jungtieren gesehen worden.  Und wie das mit dem Eisprung bei Eisbärinnen ist, liest man, wenn man es genau wissen will, besser auf den wirklich gut gemachten, informativen Internetseiten des Tiergarten Nürnberg nach.

Freedom mit Akiak und Sura. – Hier wird gerade oben genuckelt.

Den Vogel schießen aber wie meist die Tierschützer ab. Der Deutsche Tierschutzbund zeigt dabei wieder einmal sein stereotypes Verhalten. Er weist auf die Sterblichkeit der Jungtiere hin und lässt seinen Artenschutzreferenten referieren, dass von mindestens 27 seit 2005 in den deutschen Zoos geborenen Eisbären nur 10 überlebt hätten. Nun kann ich verstehen, dass man vorsichtig ist, was die Zahl der Eisbärengeburten angeht, da bin ich auch nicht 100 % sicher, ob die Zahlen im Zuchtbuch stimmen. Bei den Jungtieren, die überlebt haben, allerdings schon. Es waren 12 und ich kann sie auch mit Namen benennen: Lili, Fiete, Charlotte, Nela, Nobby, Lale, Anori, Gregor, Aleut, Flocke, Wilbär und Knut. Ich vermute mal, dass man mit dem Jahr 2005 angefangen hat, damit die Statistik schlechter aussieht, denn sie soll ja der eigenen Agenda dienen. Im Jahr 2005 hat keines der vier Jungtiere, die in einem deutschen Zoos geboren wurden, überlebt. Betrachtet man den Zeitraum von 2006 bis 2015, also 10 Jahre, ergibt sich, dass 46 % der Jungtiere überlebt haben.

Huggies mit Luka und Lynn – da sieht man auch die vier Zitzen. Sie hat auch schon Drillinge aufgezogen.

Für mich ist das allerdings der falsche Ansatz, ich berechne den Anteil der Würfe, bei denen mindestens eines der Jungtiere überlebt hat, denn nur den kann man mit den Verhältnissen in der Wildnis vergleichen. Keine Studie kann ermitteln, wie viele Jungtiere aus Mehrlingswürfen in den Geburtshöhlen sterben. Nimmt man die 11 Jahre, die der Tierschutzbund zugrunde gelegt hat, haben die Eisbärinnen in deutschen Zoos bei 58% der Würfe mindestens ein Jungtier aufgezogen, verwendet man nur die Daten der letzten 10 Jahre, sind es sogar – wie in der Natur – 67 %. Ich kann nicht erkennen, wie man daraus ein Argument gegen die Haltung von Eisbären in Zoos gewinnen will.

Ich halte allerdings den Ansatz nur die Geburten in deutschen Zoos zu betrachten sowieso nicht für zielführend, weil die Datenbasis viel zu klein ist, um belastbare Schlüsse daraus ziehen zu können. Wer sich noch einmal genauer informieren möchte, kann es hier tun.

[1] http://www.nrcresearchpress.com/doi/abs/10.1139/z92-084#.WCbnEy3hCR1

[2] http://www.nrcresearchpress.com/doi/abs/10.1139/z95-155?journalCode=cjz#.WCbnTi3hCR1

http://www.nwzonline.de/panorama/wieder-eisbaeren-drama-im-berliner-zoo_a_31,1,3199186988.html

http://www.morgenpost.de/berlin/article208667249/Eisbaer-Nachwuchs-hat-laut-Zoo-Forscher-Ueberlebenschancen.html

http://www.n-tv.de/panorama/Berlin-bangt-um-Eisbaeren-Nachwuchs-article19069411.html

http://tiergarten.nuernberg.de/zoowissen-co/arten-und-naturschutz/eisbaeren/sozialverhalten-und-fortpflanzung.html

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