Tagesarchiv: April 7, 2017

Von Müttern und Töchtern

März / April 2017

In der Natur bleiben die Jungtiere von Eisbären im Durchschnitt 2,5 Jahre bei ihren Müttern. Eine Ausnahme stellt die Population in der Westlichen Hudson Bay dar, wo in den 70 er und frühen 80 er Jahren des 20. Jahrhunderts bis zu 60% der 18 – 20 Monate alten jungen Eisbären schon ohne ihre Mütter unterwegs waren. Doch diese Prozentzahl ist im Laufe der Zeit gefallen. Ende der 90 er Jahre des 20. Jh. waren es nur noch knapp 10%. Eine Ursache für diese Veränderung könnte der Klimawandel sein. Die Gründe für diese frühe Entwöhnung der Jungtiere, die in keiner anderen Eisbärenpopulation beobachtet wurde, sind noch nicht eindeutig geklärt. Es gibt verschiedene Theorien, aber keine liefert eine klare Antwort auf das Phänomen. Die Jungtiere sind nicht größer und schwerer als ihre Altersgenossen, die weiter nördlich geboren werden. Trotzdem schaffen sie es, als unerfahrene Jäger zu überleben, indem sie sich an den Resten der Beute, anderer Eisbären bedienen. Da die Prozentzahlen dieser früh entwöhnten Eisbären von Jahr zu Jahr schwanken, scheinen die Umweltbedingungen eine wichtige Rolle zu spielen. Vielleicht gibt es in einigen Jahren besonders viele Robben, sodass die Jungtiere schneller wachsen und früher unabhängig werden. Oder die Tatsache, dass in der Hudson Bay drei Eisbärenpopulationen aufeinander treffen (die der Südlichen – und die der Westlichen Hudson Bay sowie die Eisbären des Foxe Basins) führt dazu, dass hier besonders viele Männchen zu finden sind, die dafür sorgen, dass die Mütter früh von ihren Kindern getrennt werden. Vielleicht liegt es aber auch einfach daran, dass die Weibchen im Herbst nicht mehr genug Nahrung finden und deshalb irgendwann aufhören Milch für ihre Jungtiere zu produzieren und so im nächsten Frühjahr wieder paarungsbereit werden. Es bleibt erstaunlich, dass gerade die Eisbärinnen der Teilpopulation, die im Sommer besonders lange fasten müssen – bis zu acht Monate – besonders erfolgreich in der Aufzucht der Jungtiere sind und ihr Nachwuchs – wenn auch mittlerweile nur noch selten – besonders früh ohne Mutter aufwächst. [1][2]

In the wild, polar bear cubs stay with their mothers an average of 2.5 years. Using statistics from the 1970s and early 1980s, it was shown that an exception is the population of Western Hudson Bay, where up to 60% of the 18-20 month-old cubs are already traveling without their mothers. This figure has since fallen, and at the end of the 1990s it was barely 10%. An explanation for this change could be climate change. The reason for these cubs that were weaned so early has not yet been clarified. There are various theories, but none of them provides a clear explanation of this phenomenon. The cubs are not larger and more powerful than their contemporaries from the North. Though inexperienced hunters on their own, they do manage to survive by feeding on the remains of other polar bears‘ kills. Perhaps there are many more seals some years than others, so that the cubs grow faster and can be independent earlier. Or the fact that in Hudson Bay three polar bear populations (Southern Hudson Bay, Western Hudson Bay, as well as the bears from the Foxe Basin) cross paths there, so many males are there, Or maybe it is a matter of females finding less food in fall, so stop lactating and the next spring are again in search of a mate. It is still surprising that the females of these populations, who must fast in the summer – up to eight months – are especially successful at rearing their offspring – who now only rarely have to get along without their mother early.[1][2]

Rocky (vorne), Blanche (in der Mitte) und Qannik

Rocky in the foreground, Blanche in the middle, and Qannik

Von all dem haben natürlich Valeska in Bremerhaven, Vera in Nürnberg und Blanche in Aywaille keine Ahnung. Und sie haben ja auch nicht das Problem, dass sie oder ihre Jungtiere irgendwann einmal nicht genug zu fressen hätten. Die Drei demonstrieren aber recht anschaulich, dass es nicht wirklich sinnvoll ist, allgemeine Regeln aufzustellen, wann am besten Jungtiere und Mütter voneinander getrennt werden sollen. Letztendlich entscheiden nämlich die Eisbärinnen, wann es Zeit für eine Trennung ist.

Of all this, Valeska in Bremerhaven, Vera in Nuremburg, and Blanche in Aywaille have no idea. And they don’t have the problem of not being able to nourish their cubs adequately. The three demonstrate vividly, however, that it is not useful to make generalizations about when is the best time to separate mother and cubs. Ultimately it is the females who decide when it is time to separate.

Vera in Nürnberg – von Manuela Ruthenberg.

Vera in Nuremberg, by Manuela Ruthenberg

Die Fachleute des Bear Tag der EAZA empfehlen Mütter und Jungtiere mindestens zwei Jahren zusammenzulassen und am besten wäre es sie erst im Laufe des dritten Lebensjahres zu trennen. Vera in Nürnberg scheint im Prinzip mit dieser Regel einverstanden zu sein. Sie hat erst vor kurzem entschieden, dass es jetzt an der Zeit ist, dass ihre Tochter Charlotte ohne sie auskommen muss. Charlotte ist mittlerweile 29 Monate alt, also genau in dem Alter, wo auch die meisten jungen Eisbären in der Wildnis lernen müssen, ohne Mama klar zu kommen. Manuela Rutenberg berichtet in ihrem Blog darüber, dass nach anfänglichen Irritationen bei der jungen Eisbärin, sie sich nun prima mit der Situation abgefunden hat und selbstbewusst und frech ihre Mutter durch die Scheibe, die die Gehege trennt, provoziert.

EAZA (European Association of Zoos and Aquaria) experts recommend that mother and cub should be left together at least two years, and that the separation should take place during the third year. In principle, Vera in Nuremberg seemed to follow this rule, and certainly knew when Charlotte was old enough to get along without her. Charlotte is about 29 months old, and that is exactly the age that wild polar bears most generally separate from their cubs. Manuela Rutenberg describes in her blog that although at first perhaps a little bit irritated, Charlotte seems to have resigned herself to the situation and provokes her mother cheekily and shamelessly through the glass pane that separates them.

Charlotte – von Manuela Ruthenberg.

Blanche in Aywaille zeigt da ein ganz anderes Verhalten. Sie hatte allerdings aufgrund der Gegebenheiten vor Ort auch keine andere Alternative. Ihre Tochter Qannik ist mittlerweile sechs Jahre alt, also geschlechtsreif. Trotzdem sind Mutter und Tochter – bis auf gelegentliche kurze Unterbrechungen während der Paarungszeit – das ganze Jahr über ein Herz und eine Seele. Zwischen die beiden passt buchstäblich kein Blatt Papier. Sie schlafen aneinander geschmiegt und sind auch am Abend, wenn es ins Innengehege geht, nicht zu trennen. In diesem Jahr scheint die Harmonie besonders groß zu sein, denn alle drei Eisbären bildeten bei unserem letzten Besuch ein enges Trio. Natürlich wäre es besser, wenn Qannik mittlerweile in einen anderen Zoo umgezogen wäre, immerhin besteht in dieser Konstellation auch die Gefahr, dass es zu Inzucht kommt, die man aus verschiedenen Gründen möglichst vermeiden sollte. Trotzdem ist es erstaunlich wie eng diese Mutter-Tochter-Beziehung über die Jahre geblieben ist. Blanche lässt sogar zu, dass Qannik nuckelt, obwohl da sicher keine Milch mehr vorhanden ist.

Blanche in Aywaille behaves quite differently, perhaps because she has had to adjust to the local situation, she has no choice. Her daughter Qannik is now six years old, so sexually mature. Still mother and daughter remain close, except for occasional brief interruptions during mating season. There is literally no room at all to get between them. They sleep together and in the evening when it is time to go indoors, they don’t want to be separated. This year their harmony has seemed particularly great, because all three bears were close on our last visit. Of course, it would probably be better if Qannik had been moved to another zoo, since this situation invites inbreeding, not acceptable on several grounds. Still it is amazing how close this mother-daughter pair has remained over the years. Blanche even let Qannik nurse, although of course, there would be no milk available.

Blanche mit ihrer erwachsenen Tochter Qannik

Blanche with her adult daughter Qannik

Valeska in Bremerhaven ist eher eine „moderne“ Mutter und scheint von den Eisbärinnen aus der Western-Hudson-Bay gehört zu haben. Sie meint, Lili sei mit 16 Monaten alt genug, alleine zurecht zu kommen. Das ist ziemlich früh. Aber Valeska hat deutlich gemacht, dass sie anderes im Sinn hat, als sich um ihre Tochter zu kümmern. Sie ist paarungsbereit und hätte nun mehr Lust darauf, mit Lilis Vater Lloyd zusammen zu sein.

Valeska in Bremerhaven is rather a more “modern” mother and seems to have learned from the Western-Hudson-Bay gang. At the age of 16 months, she seems to feel that Lili is old enough to manage on her own. Valeska has made it quite clear that she has other things on her mind than caring for her young daughter. She is “hot to trot” and much more interested in spending her time with Lili’s dad Lloyd.

Lili – nun allein zuhaus

Lili – now at home alone

Den Gefallen will man ihr in Bremerhaven nicht tun, aber um Lili nicht zu gefährden, hat man Mutter und Kind getrennt. Dass Lili das zunächst nicht verstanden hat, ist nicht weiter verwunderlich, aber mittlerweile – nach anderthalb Wochen – scheint sie sich mit der Situation arrangiert zu haben. Sie wirkte zwar bei unserem Besuch in den letzten zwei Tagen, noch etwas irritiert und unsicher, aber beschäftigte sich dann doch mit ihrem Spielzeug, wie uns der Pfleger erzählte, und wälzte sich entspannt im Holzschnitzelbett, wie wir mit eigenen Augen sehen konnten. Valeska im großen Gehege nebenan machte den Eindruck einer Eisbärin, die mit sich und er Welt äußerst zufrieden ist.

They don’t want to do the job for her in Bremerhaven, but in order to protect Lili, they have gone ahead and separated mother and child. It is comprehensible that Lili didn’t understand her mother’s behavior, but now, ten days or so later, she seems to have come to terms with the situation. When we visited the zoo the last two days, we found her a bit uncertain and irritable, but as the keeper explained, she was occupied with her toys and later with her relaxing in her wood-chip bed. We saw that with our own eyes. Meanwhile Valeska in the large enclosure is looking like a lady bear who is extremely satisfied with her world.

Valeska – ausgeruht und zufrieden

Valeska, relaxed and happy

Und als am späten Nachmittag Lili nach drinnen verschwand und Valeska ins Mutter-Kind-Gehege wechselte, damit auch Lloyd an die frische Luft konnte, hatte auch er eine Abwechslung durch diese Regelung. Überall im großen Gehege roch es interessant nach Eisbärin. Da gab es für ihn jede Menge zu schnuppern und zu untersuchen. Zusammenkommen sollen Valeska und Lloyd in diesem Jahr nicht. Man will Valeska ein Jahr Pause vom Muttersein gönnen. Man hofft, dass vielleicht nach der Paarungszeit Valeska weniger aggressiv auf Lili reagieren wird und Mutter und Tochter wieder ein Gehege teilen können.

When Lili disappeared inside in the late afternoon while Valeska changed to the mother-and-cub enclosure, giving Lloyd some alone time in the large enclosure. And everywhere he went it smelled of a lady bear. That gave him a lot to think about. Valeska and Lloyd will not be placed together during mating season. They want to give Valeska a year away from motherhood. They hope, that maybe after mating season, she will be less aggressive toward Lili, and that again mother and daughter can share an enclosure.

Lloyd – es duftet interessant

Lloyd – some lovely scents around here

[1] Andrew E. Derocher: Polar Bears: A Complete Guide to Their Biology and Behavior

[2] Ian Stirling, 1,2 Nicholas J. Lunn and John Iacozza: Long-term Trends in the Population Ecology of Polar Bears in Western Hudson Bay in Relation to Climatic Change

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