Kaktovik: Der Preis der Knochenhaufen

Die Internetseiten von „Polar Bear Alley“ verstehen sich als eine Art Journal über das Leben in Churchill, die Eisbären, den Norden und die Politik, die mit all dem zutun hat. Ein Beitrag auf ihrer Facebookseite hat mich auf einen Artikel von Michael Engelhard aufmerksam gemacht, der ursprünglich im „Hakai Magazine“ erschienen ist, ein Online Medium, das Artikel und Reportagen über Themen aus dem Bereich der Küsten-Wissenschaft, Ökologie und über die Küstengemeinden veröffentlicht.

Michael Engelhard hat an der Universität Fairbanks Kulturanthropologie studiert und verdient seinen Lebensunterhalt als Autor populär wissenschaftlicher Bücher über die Wildnis Nordamerikas und als Führer durch die Wildnis Alaskas. Sein letztes Buch „Ice Bear“ befasst sich mit der Faszination, die die Menschen überall auf der Welt für Eisbären empfinden, eine Kulturgeschichte des Symbols der Arktis.

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Foto: Arthur T. LaBar

Der Artikel, um den es geht, hat den Titel „The Bounty of the Bone Pile“, was übersetzt so in etwa „Die Belohnung der Knochenhaufen heißt“. Wobei „Belohnung“ den Sachverhalt nur unzureichend trifft. Das Wort „bounty“ ist in diesem Zusammenhang mehrdeutig. Für Jäger ist es die „Abschussprämie“ und irgendwie handelt der Artikel auch von Abschüssen, nur dass diesmal keine Tier zu Tode kommen, es geht um das perfekte Foto von Eisbären in ihrem natürlichen Lebensraum und die „schießt“ man im Sprachgebrauch ja auch. „Bounty“ kann man aber auch mit Geschenk übersetzen und, wenn man es so sehen will, sind die Walreste an den Knochenhaufen von Kaktovik, die der Schauplatz des Artikels sind, ein Geschenk von der Einheimischen an die Eisbären, die diesem im Gegenzug eine rentable Einnahmequelle bescheren, eine ganz besondere Sorte von Ökotourismus.

Der Autor setzt sich kritisch mit den Folgen der wachsenden Popularität des kleinen Ortes am nördlichen Ufer von Barter Island an der Küste der Beaufortsee für Menschen und Eisbären auseinander. Dies wiederum ruft die heftige Kritik der Macher von Polar Bear Alley an seinem Artikel hervor: „Ein bedauerlicher Artikel, in dem der Eisbären-Tourismus für den Schaffung einer Tourismus Ökonomie in einer abgelegenen Küstengemeinde, die von der Öl-und Gas Industrie aufgegeben wurde, kritisiert wird und für das Fett machen von Eisbärenjungen… Lächerliches bloßes Händewringen, zu einer Zeit, in der Alaska gerade die Jagdsaison auf Bären und Wölfe eröffnet hat. Der Bären Tourismus verhindert, dass Bären getötet werden, das ist und wird immer die Geschichte sein.“

Irgendwie haben beide Recht. Und damit sie selbst darüber urteilen können, wie sie zu dieser neuen Art von Ökotourismus stehen, habe ich den Artikel übersetzt. Denn eines ist sicher Michael Engelhard kennt das, worüber er schreibt. Ich habe mich bemüht, eine gute Übersetzung für den unterhaltsamen und sprachgewandten Stil des Autors zu finden, was mir aber nur begrenzt gelungen ist.

Er streckt seine Nase in unsere Richtung, um die frische Oktoberbrise auszuprobieren, ein jugendlicher Eisbär – einer von zwei Dutzend, die auf einer nahe gelegenen Landzunge in dem Knochenhaufen eines Grönlandwals nach Nahrung suchen – er geht vorsichtig ein paar Schritte ins Meer und steuert langsam in unsere Richtung. Robert Thompson, ein örtlicher Jäger und Führer, der mich hierhin gebracht hat, um die Eisbären zu sehen, legt schon mal den Rückwärtsgang ein, hält das Boot von dem Bären abgewendet an, bereit für einen schnellen Rückzug, falls das nötig sein sollte. Nur einen Steinwurf entfernt ist so nah, wie ich niemals sein wollte, wissend, dass Eisbären auf einer kurzen Distanz ein Pferd überrennen und ein Walross von einer halben Tonne töten können. Mit einer Hand am Gepäckträger des Bootes, versuche ich mit der anderen meine Kamera ruhig in Stellung zu bringen. Das letzte Mal als ich einen weißen Bären sah, war auf einer Raftingtour in der Nähe des Arctic National Wildlife Refuge, er war vier Fußballfeldern weit entfernt und döste, aber meine Remington war gezückt und schussbereit. Für Thompson, einen korpulenten silberhaarigen Vietnam Veteranen mit Augenbrauen wie Stücke aus schwarzem Filz, ist diese Begegnung mit einem Eisbären Business-Routine; das einzige, was sich sträubt, ist der Wolfskragen seines graubraunen Armee Parkas. Der Bär, der entschieden hat, dass wir uns nicht lohnen, kehrt zurück, um in den Resten des Wals zu wühlen.

Ähnlich zu der Präsenz von Wildtieren in anderen Städten – Elche wandern durch die Hinterhöfe von Fairbanks und Moschusochsen treiben sich auf der Landebahn von Nome herum – suchen Eisbären die Straßen von Kaktovik heim, einer Iñupiaq Gemeinde mit etwa 300 Einwohnern auf Barter Island, das sich der krassen Küste von Alaskas Beaufortsee entgegenstellt. Alarmiert durch bellende Hunde sah ich in meiner erste Nacht in Thompsons B & B durch das Schlafzimmerfenster einen molligen Geist unten auf der Hauptstraße im Galopp, gejagt von dem roten LKW der Eisbären Patrouille der Gemeinde, die Kaktovik die ganze Nacht lang vom Sonnenuntergang an umkreist. Hier bleiben die Vordertüren der Häuser unverschlossen, um eine Flucht in einen Eingang zu ermöglichen, wenn man gejagt werden sollte, und es ist eine gute Übung, eine Dose mit Bärenabweispray bei sich zu tragen. Die Männer und Frauen der Bären Patrouille tragen Schrotflinten Kaliber 12 mit Bean Bag- und Schreckschuss Munition zur Abschreckung bei sich, und, in extremen Fällen, wenn die nicht-tödlichen Mittel nicht wirksam sind, würden sie auch nicht zögern, einen aggressiven Bären zu erschießen. In diesem verschlafenen Weiler signalisieren Schüsse das Eindringen von Eisbären, nicht Verbrechen. Aber diese Eindringlinge signalisieren auch Dollars von Touristen: seit sich die Nachricht über den jährlichen Zwischenstopp von diesen populären Säugetieren, die nur schwer zu sehen sind, verbreitet hat, ist das Eisbär Viewing schnell zu einem Heimgewerbe geworden. Aber zu welchem Preis für die Bären und die Gemeinde?

In Kaktovik, wie in dem weit besser bekannten Churchill, Manitoba, und an anderen Orten entlang der arktischen Küste, stranden Eisbären an Land, nachdem das Meereis – ihre bevorzugte Plattform für die Robbenjagd – im Sommer aufbricht. Sie verweilen an Land in einer Art „Winterschlaf im Gehen“ Zustand, schnorren Essensreste und konservieren Energie, in dem sie Nickerchen halten, während sie auf das Zufrieren des Meeres warten, wenn die Kälte wieder einen Deckel auf den großen arktischen Ozean setzt. Die Gegend um Kaktovik bewirtet jedes Jahr im Sommer eine wachsende Zahl von Bären, und da die Arktis länger eisfrei bleibt und selbst das Wintereis dünner wird, verlängern diese Bären-Gäste ihren Aufenthalt.

Im Jahr 2015 zum Beispiel war das Meereis in der Nähe von Kaktovik schon im Juli verschwunden, einen Monat früher als normal – der früheste Zeitpunkt jemals nach den Aussagen eines erfahrenen Iñupiaq Jägers. Dies war jedoch nur ein böses Omen für 2017 als das globale Meereis ein Rekordtief erreichte. Es ist nicht verwunderlich, dass der Mangel an Eis und die verkürzte Jagdsaison die Eisbärpopulationen betraf. Die Zahlen der Südlichen Beaufortsee Subpopulation, die die Bären von Kaktovik umfasst, fiel deutlich auf 900 Tiere in den letzten drei Jahrzehnten. (Die genaue maximale Zahl ist schwer zu bestimmen, aber man schätzt, dass sie etwa bei 1200 Eisbären gelegen hatte.) Nach dem US Fish and Wildlife Service (USFWS) überleben in dieser, der am besten erforschten Eisbärenpopulation neben der von Churchills – eine von 19, die die Arktis bewohnen – inzwischen weniger Jungtiere. Im Laufe der Jahre haben die Biologen der Agentur festgestellt, dass sich auch Größe der Bären verringert hat.

Eisbären sind an eine zumindest teilweise andauernde Fastenzeit während der Sommermonate auf dem Land gewöhnt, aber für die Bären in der Nähe von Kaktovik gibt es Überlebensrationen in Ortsnähe an den Knochenhaufen in der Nähe des Hangars des Flughafens – Reste von Grönlandwalen, die die Einheimischen an der Küste schlachten. Drei Wale wurden in diesem Jahr erlegt – die jährliche Quote der Gemeinschaft – Nahrung für die Familien. Die Überreste kennzeichnen die Landzunge wie Kadaver von einer ausgestorbenen Rasse von Riesen. Abfälle von verdorbenem Walspeck und Muktuk (Walhaut) aus den Gefriertruhen der Menschen ergänzen dieses Walfisch Buffet. Ein Geländefahrzeug, das mit dieser Fracht beladen zu den Knochenhaufen hinausfährt, ist wie das Läuten zum Abendessen. Meilen entfernt riechen die auf den vorgelagerten Inseln sich ausruhenden Eisbären einen Hauch von diesem ranzigen Abfall und schwimmen oder laufen zu dem Smörgåsbord, wo sich Dutzende auf einmal versammeln können. Dort tafeln sie in der Regel friedlich, jetzt wo sie mehr Zeit auf dem Land verbringen und sich manchmal mit Grizzlys mischen, weil das Klima sich verändert. Bis zu 80 pelzige Gourmands können während dieser ursinen Rushhour in der Nähe der Stadt gesehen werden.

Selbst wenn sie sich nicht in den Hinterhöfen der Menschen herumtreiben oder es sich unter den auf Stelzen gebauten Häusern bequem machen, die Vertreter der weißen Bären findet man in Kaktovik überall: gesprüht auf einer rostigen, vom Sturm gestrahlten Mülltonne; ein Schild schmückend, das Touristen auf dem schönen Barter Island willkommen heißt, als Logo auf Vantüren und Schlitten oder einem nicht mehr existierenden B & B, Dance With Polar Bear [wörtlich]. Ihre „Sichelfußspuren“ sind auf die schlammigen Straßen gestochen, Zeugnisse für Bärentagesprogramme und Bärenappetit.

Die Verbindung von herumlungernden Bären die auf den Freeze-up warten, mit dem Glücksfall der Knochen- und Walfett-Vorratskammer und einer nahe gelegenen Gemeinde,  hoffnungsfroh auf wirtschaftliche Chancen, resultiert in einer wachsenden Bear-Watching-Industrie in Kaktovik. Thompson, einer von sieben von der Küstenwache zertifizierten Bootstourenkapitänen, verdient sich zwischen September und November ein gutes Leben mit den an Knochen Haufen Gestrandeten. Als beliebter Kapitän, der bereits voll für 2017 ausgebucht ist, kann er so viel zu tun haben, dass er ohne Frühstück zur Arbeit eilt, eine Handvoll Kaffeebohnen greifend, um sie auf seinem Weg aus der Tür zu kauen. Sein Boot die Seanachai, Irisch für Erzähler, ist treffend benannt- der Mann, der die Bären per Luftlinie an den Knochenhaufen von seinem Wohnzimmersessel aus beobachten kann und der einmal von einem marodierenden Männchen direkt vor seiner Haustür gestellt wurde, erfreut Besucher mit Häppchen über das Leben im Norden. Ein Favorit ist die Kunst, wie man das Fell eines Eisbären präpariert. „Sie stopfen es durch ein Loch in das Eis und lassen es die Garnelen sauber picken“, sagt er und fügt hinzu, dass er auch gesehen hat, wie Bären aus gesetzten Fischernetzen stehlen und beobachtete wie einer ein Netz zum Ufer zog. Thompsons Veranda ist ein Stillleben von Körperteilen und Geräten: ein Topf mit Stücken von nicht identifizierbaren Fleisch kühlt in der kalten Luft, ein Karibu Bein für seine Hunde, Schneemobil Teile, ein Gastank und – wie ein Bündel von gefallenen Engeln – ein Doppelpack von ungerupften weißen Schneehühnern. Auf einem Treibholz Stumpf in der Nähe des Schuppens grinst ein moosiger Eisbärschädel; es ist keine Szene für zarte Romantiker.

Insgesamt hat es diese arktische Gemeinschaft bemerkenswert gut gelernt, wie man mit der gestrandeten Megafauna zusammenlebt und von ihr profitiert. In den vergangenen sechs Jahren sind kleine Ökotourismus Unternehmen wie das von Thompson entstanden, die Profit aus der „Weiße Bären Goldgrube“ schlagen. Zwischen 2010 und 2016 ist die Zahl der von der USFWS ausgegebenen Lizenzen für kommerzielle Eisbärentouren auf dem Gewässern des Arctic National Wildlife Refuge von 1 auf 19 gestiegen. Während der gleichen Periode schwoll die Zahl der Menschen, die die Eisbären beobachten wollten, von etwa 50 auf bis zu 2500 pro Jahr lawinenartig an. (Das Personal des Naturschutzgebietes führt keine Besucher zu den Knochenhaufen mit dem Van oder dem LKW, weil das Land der Kaktovik Iñupiat Corporation gehört.) Sie fliegen nach Kaktovik in Doppelpropellerflugzeugen, bewaffnet mit Linsen, die so lang sind wie mein Unterarm, geködert durch ein Paket aus Walfangkultur, Polarlicht und dem Blick auf die blauen Berge der Brooks Range in der Ferne, aber vor allem von dem Nervenkitzel das größte Landraubtier der Erde in seiner natürlichen Umgebung zu treffen.

Und darin liegt ein Dilemma. Viele Besucher sind Hobbyfotografen, die sich nach dem einen perfekten Trophäenphoto sehnen, um die Erfahrung zu validieren und die Kosten zu rechtfertigen – auch ohne die Hin- und Rückfahrt nach Fairbanks, kann eine dreitägige Eisbären Beobachtungsreise sie um Tausende von Dollar ärmer machen.

Mit dem Gebot zufriedener Kunden werden die Regeln und die Ethik, die der USFWS versucht hat einzuführen, leicht kompromittiert. Bären wurden vom Heck der Boote gefüttert, um sie anzulocken, und der vorgeschriebene Abstand von 30 Yards (27 Meter), damit die Bären nicht gestresst und Touristen nicht verletzt oder gar getötet werden, wurde wiederholt nicht eingehalten. Es gibt einen starken Druck von den Touristen näher heran zu kommen, und dem Vernehmen nach haben einige die Bootskapitäne verlassen, die sich weigerten dies zu tun, um stattdessen mit denen die Tour zu unternehmen, die dem Druck nachgaben. Jede Interaktion mit den Bären, wie zum Beispiel Störmanöver oder Versuche, ihre Aufmerksamkeit zu erregen, wird zu verhindern versucht, damit sie sich nicht daran gewöhnen. Dennoch bitten einige Leute ihre Führer, für ein preisverdächtiges Foto einen Bär zum Aufstehen oder Hüpfen zu bewegen. Die Führer, die sich auf solche Übertretungen der Regeln einlassen, riskieren, wenn sie erwischt werden, ihre Lizenz und ihr Kajütboot mit leistungsstarken Motoren zu verlieren, eine Investition von US $ 60.000 oder mehr.

Einheimische fürchten, dass Außenseiter eigene Boote zu Wasser lassen in einem Versuch bei dem neuesten Boom des Staates mitzumischen. Reiseveranstalter aus dem städtischen Alaska und sogar aus den Lower 48 schöpfen bereits einen guten Teil von den Gewinnen ab. Sie organisieren den Transport und begleiten die Touristen als Naturgeschichte- oder Fotografie-Führer, vermitteln die günstigsten Bootsfahrten oder Unterkünfte in einer der beiden beiden Lodges oder dem einzigen Bed and Breakfast von Kaktovik. Bruce Inglangasak, ein schlaksiger, schnauzbärtig Bootskapitän in einem Tarnanzug mit einer Wollmütze mit dem gestickten Slogan „Get Wild About Nature“ auf dem Kopf, bringt seine Frustration zum Ausdruck über Führer aus dem Süden die versuchen an dem Geschäft teilzuhaben, ein Gefühl, das er mit seinesgleichen teilt: „Es ist unser von Gott gegebenes Recht. Wir leben hier, und niemand weiß mehr über diese Tiere und die Gewässer, wie wir.“

Im baufälligen Waldo Arms füllen einige französische Touristen mit fettigen Burgern ihre Reserven auf, während andere, über Laptops gebeugt, ihre Eisbären Bilder bearbeiten. Eine ausgefranste Grönlandwalbarte mit Beinschnitzerei liegt auf dem Billardtisch, um Souvenirjäger zu verlocken ein paar Dollar mehr in der Gemeinschaft zu lassen. „Fürchten sie den Wind nicht!“, schreit eim Graffiti auf dem Nachrichtenbrett unter einem Filzstift-Cartoon eines Bären. Wenn das Mittagessen erledigt ist, bringt ein alter Schulbus die Besucher zu dem Bootsanleger für ihre Nachmittagsrunde. Andere drängen sich auf dem Heck eines Pickup-Trucks, gekleidet wie die Mitglieder der zum Scheitern verurteilten Antarktisexpedition von Robert Scott. Mit ihren modischen Schutzbrillen, Sturmhauben , Gore-Tex Hosen und roten Canada Goose Arctic Program Parkas oder Überlebensanzügen fallen diese Eisbärenpilger in Kaktovik auf wie bunte Hunde, wo die Kleiderordnung entschieden Arbeiterklasse ist.

Die Touristen erwarten hier eine persönlichere Erfahrung als in Churchill, wo Menschenmassen in Polar Rovers (deluxe Humvees auf Steroiden, die bis zu 50 Passagiere aufnehmen können) und die mobile Great White Bear Tundra Lodge, ein mit fettigen Rädern versehener Zug mit Hotelzimmern, der exakt auf dem Rasen der fastenden Bären parkt. Das Abendessen riecht durch die Fenster der Lodge und zieht die Bären magnetisch an, die, wie sich Touristen beschweren, kommen, um um Futter zu betteln, anstatt ihr wildes Verhalten zu zeigen. Von den erhöhten Aussichtsplattformen sieht man die Bären auch nie vom Boden, was für viele Fotografen ein Nachteil ist; die Bootsdecks in Kaktovik bringen sie in eine Perspektive von Angesicht zu Angesicht.

Unter den Fotografen, die Kaktovik besuchen, regelt ein inoffiziellen Ranking die Konkurrenz derer, die mit ihren Kameras prahlen, genauso obskur wie das Boone and Crockett Club Trophy Hunting Register (das Eigenschaften von Tieren wie zum Beispiel Farbe des Fells und Geweih- oder Horngröße bewertet). Bären, die schmuddelig von der Nahrungssuche in den Knochenhaufen sind oder sich im Dreck rollen, sind unerwünscht, aber mit Blut verschmiert werden sie interessant, weil sie ihrem Killerimage gerecht werden. Spielende Jungtiere, kämpfende Männchen, Bären, die schwimmen, oder Mutter-Jungtier Motive sind hoch begehrt, wie Bilder mit einem Bären, der sich im stillen Wassern der Lagune spiegelt oder direkt in die Kamera blickt. „Ich bekam den Gegenwert für meine $ 7.000“, erzählt mir ein Fotograf am Thompson B & B, sich an eine Mutter mit ihrem cremeweißen Jungen in der schrägstehenden Sonne am Nachmittag erinnernd. Zurückkehrende Besucher sehnen sich einem bestimmtem Bild oder werden nach dem Adrenalinschub süchtig. Einige, wie zum Beispiel Shayne „Churchill ist so vorbei“ McGuire aus Kalifornien werden dann Tourführer, um ihr Hobby zu finanzieren, indem sie gleich gesinnte Suchende nach Kaktovik bringen. „Ich mag es nicht, zu sehen, dass die Tiere belästigt werden“, sagt McGuire mit einer Stimme voller Emotion, unter dem Hinweis auf Churchill Bären, die von Hubschrauber mit Touristen bedrängt werden. Aber draußen auf der Lagune kann man selbst hier in Kaktovik Bären sehen, die von drei oder vier Boote praktisch umzingelt sind.

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Foto: Elizabeth Haslam

Nicht alle Bewohner begrüßen die Chancen, die der Ökotourismus mit sich bringt. Es wird befürchtet, dass Bilder von geschlachteten Walen, Bärenfellen , Schädeln – ein normaler Teil der Landschaft hier – Tierrechtsgruppen und Umweltschützern provozieren könnten. Gelegentlich konnten Einheimische, die nach Fairbanks oder Anchorage für die medizinische Behandlung fliegen mussten, keinen Platz im Flieger bekommen, weil die Flugzeuge ausgebucht waren. Müde von der Freizeit-Übernahme, versuchte ein Alteingesessener, laut Thompson, wütend die Bären zu verjagen, während Touristen zuschauten. Er wurde fast getötet, als sein Fahrzeug nicht wieder sofort startete. Neid auf  die wenigen die glücklich oder klug genug waren, diesen neu gewonnenen Wohlstand für sich zu erschließen, kann die Atmosphäre in einer Gemeinschaft verderben, wo die Mitglieder seit Jahrtausenden immer aufeinander angewiesen waren, sie haben nur durch Teilen und Zusammenarbeit überlebt .

Um den negativen Auswirkungen des Tourismus auf die Einheimischen – Bären und Menschen – entgegenzutreten, betreut der USFWS, zusammen mit der Schule, die Kaktovik Jugendbotschafter, die ankommende Besucher begrüßen und versuchen sie über Iñupiaq Kultur und Bear Viewing Etikette zu unterrichten.

Einfühlsame Besucher erkennen schnell, dass dieses Paradies mit Tücken und Dornen daherkommt. Vielleicht wird die Gemeinschaft die Anwesenheit von Touristen und Bären in der Zukunft in der Balance halten, aber in der Gegenwart sind sie mit einem anderen Balanceakt konfrontiert: die Umwelt, die sowohl die Ureinwohner als auch die Eisbären seit Tausenden von Jahren unterstützt hat, verwandelt sich unter ihren Füßen. Während das sich verändernde Packeis die Jagdsaison der Eisbären verkürzt und die Ufer schrumpfen,  hemmt zügiges Eis die Fähigkeit der Iñupiaq Jäger wandernde Wale abzufangen. Und der Meeresspiegel steigt und die Küstenerosion  – verschlimmert durch Stürme – aufgewühlte Brandung – setzt die tief liegenden Arktis Gemeinschaften der Gefahr aus überschwemmt zu werden und bedeutet, dass die Eisbären ihre Geburtshöhlen Gebiete verlieren.

Die Menschen zeichnen sich als eine der erfolgreichsten Spezies auf der Erde aus, zum Teil aufgrund unserer Anpassungsfähigkeit – alle Iñupiat sind ein Beweis dafür. Aber die hochspezialisierten Bären sind nicht so gesegnet. Eingeschränkt durch ihr starreres Verhalten und gebunden durch den langsamen Takt der Evolution, sind die Chancen, dass sie die Veränderungen ihres Herkunftsortes überstehen, dünn. Ihr Verlust wird auch der unsere sein.

Original Artikel in Englisch – Original article in Englishhttps://www.hakaimagazine.com/article-long/bounty-bone-pile