Frühjahrsputz in der russischen Arktis

Russland, 7. März 2012

Im Herbst 2010 machte sich der Naturforscher und Fotograf, Sergey Gorshkov, zu einer Reise auf die Wrangel Insel auf und er brachte andere als die üblichen Bilder mit. Nicht eisige, atemberaubend schöne Landschaften bildeten die Kulisse für Eisbären, Polarfüchsen und Schneeeulen. Auf seinen Fotos wird der Hintergrund der Szenerie von Ruinen kleiner Häuser und vielen, vielen rostigen Fässer bestimmt. Er beschrieb, dass das erste was einen Reisenden auf der Wrangel Insel begrüße, endlose Berge von Müll seien, die Hinterlassenschaft der russischen Armee in der Arktis. Und er stellte die Frage, wer verantwortlich für die Arktis sei. Nicht nur das Militär, jeder Versuch der Industrialisierung der polaren Gebiete wurde von einer monströsen Kontamination des Gebietes begleitet. Ich war mehr oder weniger zufällig auf die Fotos und den Bericht gestoßen und war fasziniert und verstört zugleich von den beeindruckenden Bildern, die gleichzeitig wunderschön und beklemmend waren.

In the fall of 2010, naturalist and photographer Sergey Gorshkov, made a journey to Wrangel island, and he brought back something other than the usual pictures.  It was not icy, and stunning landscapes formed the backdrop for polar bears, Arctic foxes, and snowy owls.  In the background of the photos, there were scenes of small houses, and lots and lots of rusty barrels.  He explains that the first thing to welcome a traveler to Wrangel island is an enormous mountain of refuse, the legacy of the Russian army’s stay in the Arctic.  And he posed the question of who was responsible for the Arctic.  It’s not only the military, but any attempt at industrialization of the Artic region has been accompanied by monstrous contamination.  I more or less stumbled on these photos and the report, and was simultaneously fascinated and disturbed by the stunning images that were at the same time beautiful and nightmarish.

Foto: Sergej Gorschkow

Seit dem Jahr 2004 gehört die Wrangel Insel zum Weltnaturerbe der UNESCO und eine Bedingung für die Aufnahme war, dass Gebiet, das seit 1976 als staatliches Naturschutzreservat geschützt ist, von technologischem Müll befreit wird. Sechs Jahre später 2010 schien man mit der Müllbeseitigung noch nicht sehr weit vorangekommen zu sein. Auch Wladimir Putin, damals Ministerpräsident Russlands, erkannte, als er im April 2010 einen seiner publikumswirksamen Auftritte auf Franz Joseph Land unternahm, dass Handlungsbedarf bestand: „Hier liegen 40.000 bis 60.000 Tonnen Treib- und Schmierstoffe. Nachdem das Militär abgezogen ist, blieb eine riesige Müllhalde zurück.“ Und er versprach, dass nun wirklich Anstrengungen unternommen werden sollten, um das zu ändern. „Wir werden größere Mengen Geld in den Umweltschutz stecken. Wir planen eine Generalreinigung in unseren Arktis-Gebieten und wollen im wahrsten Sinne des Wortes die Müllkippen räumen, die sich seit Jahrzehnten um Polarstädte, Rohstoffvorkommen aber auch um Militärstützpunkte, See- und Flughäfen angehäuft haben.“

Since 2004, Wrangel Island has been a UNESCO World Heritage Site, and a condition for the inscription was that the area – that has been protected as a national nature reserve since 1976 – had to be pruned of the technological waste.  Even Vladimir Putin, then Russia’s prime minister, recognized in a public appeal of April 2010 made from Franz Josef Land, that action was needed, „Here are 40-60,000 tons of fuel and oils.  After the military left, what remained was a huge garbage dump.“  And he promised that efforts would be made to change that.  „We will invest large amounts of money in environmental protection.  We plan a thorough clean-up of our Arctic regions.  In the truest sense of the word, they have become garbage dumps that have persisted for decades, not only around polar cities, but refuse has been dumped also around military bases, ports, and airports.

Foto: Sergej Gorschkow

Dieser Ankündigung sollten auch Taten folgen. Radio Russland berichtete im November 2011, dass 100 Millionen Euro für die Säuberung der Arktis bereitgestellt werden sollten, für ein Programm, das zunächst drei Jahre dauern soll. Man hatte im Sommer 2011 damit begonnen, den Schrott auf dem Küstenstreifen der Wrangel Insel einzusammeln. Im August ging die „Michail Somow“ dort vor Anker. An Bord waren zwei Müllpressen, ein Ofen für die Verbrennung der Treibstoffreste, ein Traktor und Werkzeug, dass man zum Zerschneiden des Metalls benötigt. Neben dem Einsammeln und dem Abtransport des Mülls wurden auf der Insel Boden- und Wasserproben entnommen, um den Grad der möglichen Verschmutzung an jenen Orten zu untersuchen, wo die alten Fässer lagern und Luftaufnahmen gemacht, um die Menge des einzusammelnden Schrotts abzuschätzen. Als das Forschungsschiff „Michail Somow“ nach seiner 102 Tage langen Reise wieder im Hafen von Archangelsk anlegte, hatte es 350 gepresste Fässer und 500 ganze Fässer, die weiter genutzt werden können, mitgebracht. Insgesamt wurden etwa 30 Tonnen Schrott abtransportiert. Doch natürlich ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es ist innerhalb einer Navigationsperiode in der Arktis einfach nicht möglich, all das abzutransportieren, was sich im Laufe der Jahrzehnte angesammelt hat. Über 100 000 Fässer gibt es alleine auf der Wrangel-Insel die abtransportiert werden müssen und das in einem Gebiet, wo es keine Straßen gibt, auf denen man Maschinen transportieren könnte, die die Sammlung erleichtern und die Aufarbeitung des Schrottes ermöglichen würden.

This pronouncement should have been followed by action.  Radio Russia reported in November 2011 that $140,000,000 would be needed to fund a three-year project to clean up the Arctic.  In the summer of 2011, they began to collect the waste material from the coast of Wrangel Island.  In August, the Mikhail Somov anchored there.  On board were two trash compactors, a furnace for combustion of fuel residues, a tractor, and tools needed to cut metal.  In addition to the collection and transportation of waste on the island, soil and water samples were taken to examine the possible degree of contamination in those places where the old barrels had been stored, and aerial photos were taken in order to estimate the amount of scrap material that needed to be cleared.  When the research vessel Mikhail Somor docked at the port of Archangel after its 102-day long journey, it had brought 350 compacted barrels and 500 full barrels, capable of being recycled.  A total of thirty tons of scrap metal were removed.  Of course, this is just a drop in the bucket.  It’s easy to talk about making a journey to the Arctic, but quite another to clean up the decades of accumulation.  There are over 100,000 barrels to be removed from Wrangel Island alone, and they lie in an area where there are no roads to transport machinery for the the collection and processing of the scrap.

Foto: RIA Novosti, Artur Chilingarov

 Nun will man mit einem neuen Projekt zur Reinigung der Gebiete in der Arktis beginnen. Dieses Projekt wurde von Spezialisten des Nationalparks „Russische Arktis“ im russischen Ministerium für natürliche Ressourcen vorgestellt. Das Projekt beinhaltet die Schaffung von drei speziellen Deponien, in denen das gefundene Altmetall gesammelt und für die Entsorgung vorbereitet werden soll. Zu diesem Zweck wurden aus dem Haushalt für 2012 – 2013 zwei Milliarden Rubel bereitgestellt, das sind rund 50 Millionen Euro. Zunächst sollen die drei am stärksten verschmutzen Landeplätze der Hooker-Insel, der Graham-Bell-Insel und von Alexandraland gereinigt werden, drei Inseln die zum Archipel von Franz-Josef-Land gehören. Bis 2020 sollen alle Inseln der Inselgruppe vom Müll befreit sein, doch die Finanzierung dieses Planes ist noch nicht gesichert.

So, now there’s a new project to clean up Arctic areas.  This was presented by specialists from the Russsian Arctic Naitonal Park in the Russian Ministry of Natural Resources.  The project will involve the establishment of three special landfills, where collected scrap metal will be placed for disposal.  For this purpose, the 2012-13 budget provided RUB 2,000,000,000, or about $ 68 million.  First to be cleaned up are the three most polluted places — Hooker Island, Graham-Bell Island, and Alexandra Land — all three belonging to the Franz Josef Land archipeligo.  By 2020, all the islands of the archipelago should be cleared of garbage, but financing of the plan is not yet assured.

Foto: ehemalige Sedova Station auf Hooker Island von Major-Kottan – the former Sedova Station on Hooker Island by Major-Kottan

Verantwortlich für dieses Aufgabe sind die Mitarbeiter des Nationalpark „Russische Arktis“, die auch mit der Entwicklung des Tourismus in dieser Region beschäftigt sind. Man bereitet bereits eine Ausschreibung für die Vergabe der Aufträge für das Projekt vor, die Ende März diesen Jahres beginnen soll. Im kommenden Jahr werden für die Müllbeseitigung in den polaren Gebieten mindestens 200 Fachleute arbeiten, deren Arbeit durch ein Frachtschiff, Kräne und andere Geräte unterstützt wird.

Responsible for the task is the staff of the Russian Arctic National Park, who are also engaged in the development of tourism in the region.  They are already preparing to tender contracts for the project to begin in late March of this year.  Next year, garbage disposal in the polar regions will employ at least two hundred professionals, whose work will be supported by a cargo ship, cranes, and other devices.

Karte: Wikipedia

Franz-Josef-Land besteht aus 191 Inseln, die zu über 80 % ständig mit Eis bedeckt sind, und liegt ostnordöstlich von Spitzbergen und nordwestlich der Inselgruppe Sewernaja Semlja (Nordland) rund 900 km vom Nordpol entfernt. Die Zufahrt ist nur wenige Sommerwochen (und nicht in jedem Jahr) eisfrei und für Besucher praktisch nur auf einer der sporadisch durchgeführten Eisbrecher-Kreuzfahrten möglich. Landexpeditionen sind in der Regel nicht erlaubt. Auf vielen dieser Inseln bringen jeden Winter Eisbärinnen in Geburtshöhlen Junge zur Welt. Im Jahr 2011 wurde die russische Arktis von rund 900 Touristen besucht. Die Kosten für eine solche Kreuzfahrt betragen zwischen 9000 € und 12.000 €. Man hofft durch eine Förderung des Öko-Tourismus zum Schutz der Eisbären vor Wilderei beitragen zu können, da so ein lebendiger Eisbär für die dort lebenden Menschen wertvoller wird als ein getötetes Tier.

Franz Josef Land consists of 191 islands, which are always more than 80% covered with ice.  It is located east-northeast of Svalbard and northwest of the archipelago of Svernaya Zemlya („Northern Land“), or about 550 miles from the North Pole.  Entry is possible only during a few weeks in the summer, and then not every year.  It is may become accessible for visitors, but ice-breaker cruises can be conducted only sporadically.  Land expeditions are generally not allowed.  On many of these islands, every winter female polar bears give birth to their young in dens.  In 2011, about 900 tourists traveled to the Russian Arctic.  This cost of such a cruise is between $12-16,000.  By promoting eco-tourism, it is hoped to contribute to protection of polar bears from poaching.  For the people living there, a living polar bear will become more valuable than a dead one.

Quellen – Sources:

Der Bericht und die Fotos von Sergey Gorshkov sind sehr sehens- und lesenswert – the report and the photos of Sergey Gorskov are very worth seeing and readinghttp://gorshkov-sergey.livejournal.com/12783.html
http://gorshkov-sergey.livejournal.com/15273.html#cutid1

Sergey Gorshkov ist ein Naturfotograf, der u.a. bei National Geographic Fotoreportagen veröffentlicht, er sagt über sich selbst: „Meine Kamera ist ein Bindeglied zwischen mir und der Tierwelt. Durch die Linse der Kamera kann ich Dinge sehen, fotografieren und versuchen, die Schönheit der wilden Natur einzufangen, ein Stück von dem, was ich gesehen und was ich habe gefühlt habe, als ich in ihrer entrinnenden Welt war, die langsam nach und nach vom Antlitz der Erde verschwindet.“  – Sergey Gorshkov is a wildlife photographer whose   reportages are published amongst others by National Geographic. He  writes about himself: „My camera is a connecting link between me and wildlife. Through the lens of the camera I can see things, take pictures and try to reproduce beauty of the wild nature, a piece of what I have seen and I have felt being there, in their escaping world which  is disappearing little by little from the face of the earth».   http://www.gorshkov-photo.ru/

Man findet seinen Bericht über die Wrangel Insel auch in einigen anderen russischen Blogs – you can find his report about Wrangel  Island in some other Russian blogs too:

http://geoblog.rgo.ru/blog/84.html
http://www.liveinternet.ru/users/tratataya/post145315379/
http://www.liveinternet.ru/users/tatasoz/post145585109/

und auf einer deutsch-sprachigen Internetseite – and on a German webpage:

http://www.polarnews.ch/arktis/faunatierwelt/356-die-natur-kehrt-zurueck.html

und natürlich auch in Englisch – and of course in English too:

http://coldunited.com/2010/12/russian-arctic-wrangel-island-in-pictures-how-sad-to-see-it/
http://webecoist.momtastic.com/2011/01/04/siberian-rusty-russias-despoiled-wrangel-island/
http://everydaypollution.wordpress.com/2011/01/21/sergey-gorshkov/

Die Aktuellen Berichte zur Säuberung der Arktis – The current reports of the cleaning of the Russian Arctis:

http://www.utro.ru/articles/2012/03/07/1033234.shtml
http://www.izvestia.ru/news/517624

und der Förderung des Tourismus – and the promotion of tourism:

http://eco.ria.ru/nature/20120306/586373700.html

Der Bericht von Radio Russland vom 17.11.2011
http://www.aktuell.ru/russland/panorama/ckologie_putin_blaest_zum_grossputz_in_der_arktis_2986.html
http://www.polarnews.ch/arktis/menschen-a-politik/323-putin-arktis-soll-gesaeubert-werden.html
http://www.reisen-mit-style.com/de/news_318.html

Berichte im Spiegel über „Kreuzfahrten“ nach Franz-Josef-Land :

http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,777219,00.html
http://www.spiegel.de/reise/fernweh/0,1518,778035,00.html

Wer das auch einmal machen will: http://www.franz-josef-land-reisen.de/

6 Antworten zu “Frühjahrsputz in der russischen Arktis

  1. Dies ist ein wirklich wichtiger und gut recherchierter Artikel, danke für die Arbeit, das so zusammenzustellen. Es wird wirklich Zeit in der Arktis aufzuräumen!

    Liesel, dein Kommentar hat mir gut gefallen, das mit den Kartoffeln ist einfach nur passend…

    LG

    Birgit

  2. Vor allem hoffe ich, dass die bereitgestellten Mittel auch wirklich dem Projekt zu Gute kommen und nicht die Taschen von irgendwelchen Leuten fuellen werden!
    Man kann nur wuenschen, dass die Russen erfolgreich sind und dass sich die anderen Anlieger der Arktis ein Beispiel daran nehmen!

  3. Hallo Ulli,

    euer Artikel beschäftigt mich nun schon eine ganze Weile.Nicht nur die Russen, auch die Amerikaner haben „Abfall“schlimmster Art in der Arktis hinterlassen.
    http://www.radio-utopie.de/2011/10/03/us-militar-will-abfallkrieg-gewinnen-oder-warum-gronland-jetzt-grun-wird/
    Es gibt eine Fotoserie, allerdings nicht digitalisiert, da habe ich abwechselnd eine Blume und rostige Nägel, eine Landschaft und Schrott auf der ostgrönländischen Insel Kulusuk fotografiert. Das sind ganz harmlose Hinterlassenschaften(hoffentlich), aber in Thule sieht es doch wohl anders aus.
    Vielleicht mögt ihr ja auch darüber mal berichten? Ich schätze eure Berichte sehr und dieser hier ist für mich ganz besonders interessant. Den habe ich mir erstmal abgespeichert.Er verdient es, nicht nur flüchtig (von mir) gelesen zu werden.
    Vielen Dank nochmal, Brigitte

  4. ich finde dieses projekt zum jahr der arktis (2012 hat rußland ja zum jahr der arktis erklärt.) sehr nachahmenswert für alle die dort ihren müll im laufe der jahrzehnte
    zurückgelassen haben.irgendwie ist er da ja auch mal angekommen wo er nun liegt,wahrscheinlich genauso mühselig wie sein jetztiger abtransport.
    und die ganze aufklärungsarbeit und die neuen perspektiven, für die menschen die dort schon jahrzehnte leben,das ein lebendiger bär viel mehr wert hat als ein toter , finde ich auch nachahmenswert.
    l.g.martina

  5. Danke,

    Liebe Grüße, Brigitte

  6. es ist schon eine wirklich lange zeit her, als ich einmal ein essay über russland gelesen habe. nicht über eisbären, aber darüber, dass es für den autor des essays eines der größten rätsel überhaupt war, dass russland nicht das (DAS) land ist, das ohne probleme wohlstand für all seine menschen ‚produzieren‘ könne. aufgehängt hat der autor seinerzeit seine these an dem umstand, dass eher eine gigantische kartoffelernte, die massen an menschen nähren könnte in folge von fehlender infrastruktur und transportmöglichkeiten verfault, als dass der ’staat‘ diese probleme der infrastruktur je lösen würde.

    als ich das so las, dachte ich, dass es immer so ist. da kann man irgendwas nicht von a nach b bringen, und deswegen bleibt es eben liegen, wo es liegt. und alles was das anrichtet ist schaden.

    ich hoffe, das der mist da beseitigt werden kann und dass vielleicht ein stück land entsteht, das für eisbären (und andere tiere) mal wichtiger sein könnte, als man heute auch nur ahnt.

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