Familienzusammenführung bei Eisbären

Zusammenführungen von Eisbärenfamilien sind sehr riskant und gefährlich. Ein Scheitern scheint vorprogrammiert, da Eisbärmännchen keine Beziehungen zu ihrem eigenen Nachwuchs haben. Zurzeit gibt es nur einen Zoo, in dem ein männliches Tier regelmäßig mit einem Weibchen und einem Jungtier zusammenlebt. Dies ist in der Zoosafari Fasano in der Nähe von Brindisi, wo Felix mit Marissa und Dea zusammenlebt. Hier funktioniert dies schon wiederholt. Bei allen drei Jungtieren, die in Fasano geboren wurden, wurde der Vater Felix mit Marissa und ihren Töchtern vergesellschaftet.

Polar bear family reunions are very risky and dangerous.  Failure seems pre-programmed, given that the male has no relationship with his own offspring.  At the moment, however, there is one zoo, where the male regularly lives together with his wife and child.  This is at the Zoosafari Fasano, near Brindisi, where Felix is living together with Marissa and Dea.  And it has been working well.  Through three cubs, born in Fasano, the father Felix was together with Marissa and his daughters. 

Foto: Felix, Marissa und Dea im September 2009, von Il@ri@

Aus der neueren Haltungsgeschichte sind uns nur drei weitere erfolgreiche Zusammenführungen bekannt. Eine geglückte in Bremerhaven im Jahr 1963, nachdem ein erster Versuch im Jahr 1959 für das Jungtier tödlich endete. 1959 war der Vater Muffel, die Mutter Suse, die insgesamt 17 Jungtiere in Bremerhaven zur Welt brachte, wovon sie 15 aufzog. Das getötete Jungtier hieß Ola, es wurde ein Jahr alt. 1963 gelang die Zusammenführung mit den gleichen Eltern. Das Jungtier hieß Ola II. Ola II lebte noch sieben Jahre lang zusammen mit ihrem Vater. Die zweite Zusammenführung gelang im Jahr 1993 im Zoologischen Garten in Köln. Die dritte mit Viktor, seinem Sohn Rocky und dessen Mutter Vera im Ouwehands Dierenpark Rhenen im Jahr 2003, nachdem Viktor aus Amsterdam wieder nach Rhenen zurückkam.

Only three times on record do we know of other successful family reunions.  There was a successful one in Bremerhaven in 1963, after a similar arrangement in 1959 had resulted in the death of the cub.  In 1959, the father was Muffel and the mother Suse, who had together brought 17 cubs into the world in Bremerhaven, of which 15 survived.  The slain cub was Ola, one year hold.  1963 saw the family reunion with the same parents.  The second cubs was called Ola II.  Ola II lived with her father for a further seven years.  The second family reunion happened in 1993 at the Cologne Zoo.  The three were Viktor, his son Rocky, and the mother Vera, at the Ouwehands Zoo in Rhenen in 2003, after Viktor came back from Amsterdam.

Im Kölner Zoo gab es 1993 fünf Eisbären: das Männchen Omaha, geboren 1980, das Weibchen Vera, geboren 1981, mit ihrem Sohn Vitus, der am 17. November 1991 zur Welt kam und das Weibchen Olga, geboren 1979, mit ihrer Tochter Olinka, die am 21. November 1992 geboren wurde.

In 1993, there were five polar bears at the Cologne Zoo:  the male Omaha, born in 1980, the female Vera, born in 1981, together with their son Vitus, born November 17, 1991, and the female Olga, born in 1979, and their daughter Olinka, born on November 21, 1992.

 Zu Beginn des Jahres 1993 weigerte sich Vera immer wieder ihren 16 Monate alten Sohn Vitus zu säugen. In der Natur würde die Mutter ihr Jungtier wegjagen, doch dies ist in einem Zoo nicht möglich. Also bemühte man sich im Kölner Zoo einen anderen Zoo zu finden, der Vitus aufnehmen wollte. Doch obwohl auch 1993 erfolgreiche Eisbärenaufzuchten nicht die Regel waren, konnte man keinen Zoo finden, weil nur geschlechtsreife Zuchtmännchen gesucht wurden. Eisbären werden in Zoos viel älter als in der freien Wildbahn, so waren viele Plätze in Zoos mit alten Bären besetzt. Junge Bären in eine etablierte Gruppe zu integrieren ist sehr problematisch. Es war aber umso dringender eine Lösung für das Problem zu finden, da Olinka, das Jungtier des Weibchens Olga, im März 1993 alt genug war, den Wurfbereich zu verlassen.

At the beginning of 1993, Vera weaned her 16-month-old son Vitus.  In the wild, she would have chased him away, but this was impossible at the zoo.  So the zoo had to try to find another zoo to take Vitus.  Although in 1993, the successful rearing of polar bears was extraordinary, there was no zoo available, since only successful breeding males were sought after.  Polar bears in zoos are getting quite older than wild polar bears, so there were in many places laden with older bears.  Integrating younger males with an established group seemed a problem.  It was all the more urgent to find a solution for the problem since Olinka, Olga’s cub, was old enough to leave the den.  

Da es keine Möglichkeit gab Vitus abzugeben, musste er in Köln bleiben. Eine Zusammenführung von Vera und Vitus mit Olga und Olinka erschien den Verantwortlichen, nicht ratsam, da der 16 Monate alte Vitus zu wild für die kleine Halbschwester Olinka gewesen wäre. Olga war eine unerfahrene, nervöse Mutter, Olinka ihr erstes Jungtier und man wollte nicht das Risiko eingehen, dass sie zu sehr getresst wurde, denn dies hätte Einfluss auf die weitere Aufzucht von Olinka gehabt. So blieb nur dir Zusammenführung von Vera und Vitus mit dem Vater Omaha.

There was no way possible for Viktor not to stay in Cologne.  Penning of Vera and Vitus with Olga and Olinka seemed ill-advised to those in charge, since 16-month-old Vitus seemed dangerous to his little half-sister Olinka.  Olga was an inexperienced and nervous mother, and Olinka her first cub, and no one wanted to take the risk of stressing her, lest that interfere with the raising of Olinka. Nothing else remains to be done than the joining of Vera and Vitus with his father Omaha.

Die Biologinnen Dr. Lydia Kolter und Ruth Zander des Kölner Zoos haben dies in einem Artikel, der in der „Zeitschrift des Kölner Zoo“, 38. Jahrgang, Heft 3 im Jahr 1995 veröffentlicht wurde, beschrieben:

Biologists Dr. Lydia Kolter and Ruth Zander of the Cologne Zoo described it this way in an article, published in the Cologne Zoo News, Vol. 38, issue 3:

Familienzusammenführung bei den Eisbären des Kölner Zoos – ein Ausnahmefall

An exceptional situation with the polar bears at the Cologne Zoo

 Abb 1 : Vera und Omaha beißen einander stark gehemmt vor dem Schieber.
Inhabited bite exchange between Vera and Omaha

Ein Zusammentreffen mit dem Vater ist für einen einjährigen Jungbären nicht ungefährlich. In der Arktis gehen die Bärinnen mit Nachwuchs den männlichen Bären aus dem Weg, da es vorkommen kann, dass die Jungtiere getötet werden. Sogar Kannibalismus kommt vor. Die Weibchen haben nur geringen Chancen ihren Wurf zu verteidigen.

Aus den negativen Erfahrungen anderer Zoos war es also ein nicht ungefährliches Vorhaben, Veras Sohn Vitus mit dem Vater Omaha zusammenzubringen. Auch die Jahreszeit war nicht unbedingt die günstigste. Gerade während der Monate März bis Mai finden zwischen adulten männlichen Bären ernsthafte Beschädigungskämpfe um weibliche Tiere statt. Der Testosteronspiegel, der die Kampfbereitschaft der männlichen Bären beeinflusst, erreicht in dieser Jahreszeit seinen Höhepunkt.

Um die Tiere aneinander zu gewöhnen und so das Risiko ernsthafter Auseinandersetzungen zu mindern, wurden Omaha und Vitus ab Anfang Februar Kontakte über einen Gitterschieber ermöglicht. Omaha erwies sich als „friedliches“ Tier, das keinerlei Drohgebärden zeigte. Nach anfänglichem Drohen des Jungbären kam es zu intensiven Schnauzenkontakten am Gitter, und beide Tiere beschnupperten sich ausgiebig.

Abb. 2 Omaha und Vera gähnen gleichzeitig während einer Ruhephase (März 1993) Omaha and Vera yawning simultaneously during a Test (March 1993)

Um bei der späteren Zusammenführung eine Paarung und erneute Trächtigkeit von Vera zu verhindern, wurde der Bärin ab Anfang Februar 1993 ein Hormonpräparat über das Futter verabreicht. Im Freiland werden die Jungtiere von der Mutter selbst oder den männlichen Bären während der Paarungszeit vertrieben (STIRLING 1990). Eine solche Situation sollte in jedem Fall vermieden werden, um für Vitus keine zusätzliche Gefahr heraufzubeschwören.

Außer diesen Vorkehrungen wurden zuvor noch einige Vorbereitungen für die eigentliche Zusammenführung getroffen: Einige Tage vorher wurden zwei große Baumstämme auf die Anlage gelegt und verankert. Sie waren in erster Linie als Sichtschutz gedacht. Im Nachhinein erwiesen sich die Stämme als interessantes Objekt zum Beschnüffeln, Entrinden, Scheuern und Beknabbern. Als zweite wichtige Vorsichtsvorkehrung füllte man eine Nische mit Stroh aus, die für Mutter und Sohn zur Falle hätte werden können. Aus demselben Grunde wurde den Tieren tagsüber der Zugang zu den Käfigen versperrt. Da Jungtiere erwachsenen Eisbären zwar problemlos laufend aber nicht schwimmend entkommen können, wurde das Wasser des Beckens bis auf einen seichten Rest abgelassen. Am Abend vor der Zusammenführung erhielten Vera und Omaha ein Beruhigungsmittel, um die Aufregung der Tiere zu dämpfen. Während der ersten Tage waren ständig Pfleger anwesend, um die Tiere notfalls mit Hilfe eines kräftigen Wasserstrahls zu trennen. Am 23. März 1993 war es dann soweit: Vera und Vitus betraten zuerst die Anlage, gefolgt von Omaha, dem Eisbärmann.

Abb. 3 Omaha hält Vera und Vitus vor dem zugemauerten Eingang in Schach (März 1993) Omaha guards Vera and Vitus in front ofa closed entrance (March 1993)

Nach kurzem Umhergehen und Erfassen der Situation ging Vera drohend auf Omaha zu, um ihn zu beißen. Vitus blieb immer dicht hinter ihr. Die Angriffe gingen von Vera aus, Omaha wurde dabei zur Verteidigung herausgefordert. Er versuchte nicht, Vera oder Vitus von sich aus anzugreifen, wurde aber von dem Jungbären immer wieder angezogen.

Die Situation war äußerst angespannt. Trotz des verabreichten Beruhigungsmittels waren Omaha und Vera sehr erregt. Das war an der für Eisbären typischen Lautäußerung des „Chuffing“ deutlich erkennbar. Dieser wiederholt ausgestoßene Blas- und Schnauflaut wird durch einen ausgeatmeten Luftstrom erzeugt und ist an einem sich rhythmisch auf und ab bewegenden Brustkorb auch optisch gut wahrnehmbar. Eisbärmütter lassen diesen Laut oft hören, wenn ihre Jungtiere einer Gefahr ausgesetzt sind. Aber auch erwachsene männliche Bären zeigen diese Lautäußerung in aufregenden Situationen. Das Chuffing, scheint Ausdruck eines positiven oder negativen Erregungszustandes zu sein.

Die Auseinandersetzungen zwischen Vera und Omaha dauerten nur kurze Zeit, verliefen unblutig und waren durch ein dumpfes Brummen von Vera begleitet. Am lautesten schrie jedoch Vitus, wenn sich eine direkte Begegnung zwischen ihm und Omaha anbahnte. Den Kopf mit geöffnetem Maul bis auf den Boden gesenkt, drohte er laut brummend und ging dann in die Offensive über, indem er einen kurzzeitigen, gehemmten Beißaustausch mit Omaha ausführte. Vera unterbrach sofort den Kontakt zwischen Vater und Sohn, indem sie sich dazwischen stellte und Omaha durch Bisse wegdrängte.

Abb. 4 Erste freundliche Annäherung zwischen Vitus und Omaha (März 1993) First friendly approach between Vitus and Omaha (March 1993)

Das laute Brummen und Schreien des Jungbären könnte eine beschwichtigende Wirkung auf Omaha gehabt haben, denn die Maulgefechte zwischen den beiden besaßen einen stark gehemmten Charakter. Für diese Annahme spricht auch, dass der überlegene Altbär während der Auseinandersetzungen nie brummte, die kleinere und schwächere Bärin Vera aber ebenfalls heisere Brummlaute von sich gab.

Phasen ernsthafter Auseinandersetzungen wechselten mit Phasen der Ruhe, in denen Omaha, nun doch müde durch das Beruhigungsmittel, sich vor Vera und Vitus hinlegte und die beiden dabei in Schach hielt. Mutter und Kind wählten sich als Ruheplatz den schmalen Bereich vor einem der Schieber aus, der einen gewissen Schutz bot und Omaha aufgrund der Enge den Zutritt verweigerte

Wollte Vera nach längerem Ruhen den Platz vor dem Schieber verlassen, versuchte Omaha sofort, an Vitus heranzukommen und sich zwischen Mutter und Sohn zu drängen. Vera führte immer nur einige Intentions­schritte in Richtung Anlagenmitte aus, gähnte häufig und blickte ständig zu Vitus zurück. Näherte sich Omaha während dieser Weggehversuche dem Jungbä­ren, griff Vera sofort an und drängte den Eisbärmann zurück. Die kurzen Intentionsschritte, das häufige Gäh­nen und Zurückblicken deuten auf eine Konfliktsitua­tion der Bärin hin. Der Konflikt könnte sich aus dem Bestreben, einerseits das Gehege zu erkunden bzw. einen geeigneten Ruheplatz aufzusu­chen, andererseits das Jungtier zu verteidigen, ergeben haben. Nach vermehrtem Hin und Her zogen sich Mut­ter und Sohn wieder in ihre Ecke vor dem Schieber zurück. Der Eisbärmann hütete Vera und Vitus mit kurzen Unterbrechungen, bis beide Gruppen am Nachmittag voneinander getrennt wurden.

In den nächsten Tagen wiederholte sich die Vorgehens­weise. Morgens um 9 Uhr wurden die drei Tiere nach­einander herausgelassen und nachmittags zur Fütte­rungszeit wieder getrennt. Nach wie vor war die Situa­tion aufregend, Erkundungsgängen im Gehege folgten Hüteperioden vor dem Schieber. Das Interesse von Omaha an Vitus erwies sich zunehmend als gegenseitig. Auch der Jungbär zeigte sich am Vater interessiert, und er begann in den entspannten Erkundungsphasen mit Omaha freundliche Kontakte herzustellen. Machte sich Omaha „klein“, indem er seine Körper­größe durch Hinsetzen oder Legen verringerte, so initiierte der Jungbär z. B. Schnauzen- und Tatzenberührun­gen an den verschiedenen Körperstellen von Omaha und spielerische Bisse in den Hals und Kopfbereich. Die Interaktionen der beiden wurden von Vera jedoch nur für sehr kurze Zeit toleriert. Bahnte sich solch ein Kon­takt zwischen Vitus und Omaha an, griff sie mit gesenk­tem Kopf drohend und beißend ein und stellte sich zwi­schen die beiden. Vielleicht erkannte die Bärin aufkom­mende Aggressivität des Bärenmannes früher als der menschliche Beobachter, denn es kam auch vor, das Omaha plötzlich doch gezielt nach Vitus schnappte.

Abb. 6 Schnauzenkontakt zwischen Omaha und Vitus (März 1993) Muzzle contact between Omaha and Vitus (March 1993)

Die Situation lockerte erst nach einer Woche merklich auf, als Omaha und Vera am Vormittag wieder zu ihrem gewohnten Tagesablauf übergingen und die Hüteperi­oden vor dem Schieber seltener wurden. Vitus entfernte sich nun weiter von Vera und konnte sich Omaha auch nähern, ohne dass die Mutter darin eine Gefahr erblickte und eingriff. Der Jungbär forderte den adulten Bären sogar durch Wippen mit den Vorder­beinen zum Spiel auf. Omaha ging jedoch im Frühjahr 1993 noch nicht auf diese Spielaufforderungen ein.

Abb. 5 Vitus beschnuppert Omaha (März 1993) Vitus sniff at Omaha (March 1993)

Auch adulte männliche Bären spielen im Freiland nicht während der Paarungszeit im Frühjahr miteinander. Spiele finden nur im Spätsommer und Herbst statt. Nach vier Tagen ging auch Vera erstmalig auf die freund­lichen Annäherungen von Omaha ein. Alle drei Bären wälzten sich gemeinsam ausgiebig im Stroh, das sie Tage zuvor aus der Nische geräumt hatten. Jetzt tole­rierte die Bärin sogar erste spielerische Kontakte zwi­schen Vitus und Omaha, ließ sich dabei auch selbst in Beißspiele verwickeln. Innerhalb der nächsten Woche gab es ein Auf und Ab von spielerischen und ernsthaften Sozialkontakten, Hüteverhalten und normalem Tages­ablauf. Am 15. April 1993 wurde es den Bären erstmalig gestattet, auch am Tag die Innenkäfige gemeinsam zu betreten. Durch das Offnen von zwei Schiebern wurde ein Rundlauf geschaffen, so dass der Jungbär von Omaha innen nicht gestellt und festgehalten werden konnte. Im Juni hatte sich die Aktivität der Bären wieder vollkom­men normalisiert.  Vitus und Omaha begannen erstmalig, intensive Kampfspiele miteinander auszutragen. Vera griff nur dann ein, wenn der Jungbär, in eine Ecke des Beckens gedrängt, Omahas Tatzenstößen nicht durch Rückwärtsschwimmen ausweichen konnte und ein lautes Brummen hören ließ.

Abb. 7 Omaha wälzt sich vor Vera und Vitus im Stroh (März 1993) Omaha rolls in the straw in front of Vera and Vitus (Match 1993)

Im Spiel mit Vitus ergaben sich auch für Omaha wesentlich mehr Möglichkeiten als im Spiel mit Vera. Der Jungbär ließ einige Spielaktionen des adulten Bären zu, ohne dagegen zu protestieren und das Spiel abzubrechen. So konnte Omaha den Tatzenstoß in aufrechter Stellung und den Nackenbiß oftmals ausführen, ohne dass dies das Spiel in der Länge beeinträchtigte. Vera reagierte im Vergleich zu Vitus auf diese beiden Elemente drohend und beendete das Spiel kurz darauf. Ihre Toleranzgrenze lag deutlich niedriger. Wendete Omaha den Nackenbiß bei Vitus an, griff sie anfangs oft in das Spiel der beiden ein, indem sie Vitus von Omaha regelrecht wegzog und in ein Spiel mit sich selbst verwickelte.

Im November 1993 wurden die beiden Gruppen nicht mehr am Nachmittag getrennt und konnten die Nacht miteinander auf der großen Anlage verbringen. Der nun fast zweijährige Jungbär stand seiner Mutter an Körperhöhe nicht mehr nach und setzte sich zunehmend gegen diese durch. Aus einer Auseinandersetzung mit Vera um eine Tonne ging er sogar als Sieger hervor, ebenso behauptete er sich erfolgreich vor ihr am Futter. Im März 1994, als Vitus zwei Jahre und vier Monate alt war, musste der Jungbär von Vera und Omaha endgültig getrennt werden, da die Bärin nach einer ernsthaften Auseinandersetzung mit ihrem Sohn diesen nicht mehr tolerierte. Obwohl Vera weiterhin die Pille bekam, fiel das agonistische Verhalten mit dem Zeitpunkt der Entwöhnung und Vertreibung der Jungbären durch frei lebende Bärinnen zusammen. Bärinnen in der kanadischen Arktis entwöhnen ihren gut zweijährigen Nachwuchs meist vor oder während der folgenden Paarungszeit, da sie nun wieder fortpflanzungsbereit sind. Eine Ausnahme bildet die Eisbärpopulation der westlichen Hudson Bay. Hier werden die Jungtiere schon als Jährlinge entwöhnt (RAMSAY STIRLING 1988). Spätestens zur Fortpflanzungszeit werden die Jungbären von paarungswilligen männlichen Bären verjagt und sind dann auf sich selbst gestellt (STIRLING 1990).

Abb. 10 Mit vorgezogener Oberlippe droht Vitus (rechts) Omaha (links) während des Sozialspiels (Juni 1993) The protruded upper lip indicates that Vitus (right) threatens Omaha (left) during a social play (Dune 1993)

Am 18. März 1994 wurde Vitus an den Budapester Zoo abgegeben, wo er einer siebenjährigen Bärin zugesellt wurde. Die beiden Tiere vertrugen sich gut und spielten bereits nach kurzer Zeit miteinander. Da die Kölner Eisbärenanlage für 1,2 Bären (ein Männchen und zwei Weibchen) und deren Nachwuchs längerfristig zu wenig Platz und Abtrennmöglichkeiten bietet, wurden Olga und Olinka in den Tiergarten Schönbrunn nach Wien abgegeben.

Da man nicht generell erwarten kann, dass Eisbär­männer den Jungtieren gegenüber tolerant sind, wird Familienzusammenführung aus Platzgründen bei dieser Tierart sicherlich die Ausnahme bleiben. Zumal Unter­ringungsprobleme auf diese Weise bestenfalls kurzfri­stig, nicht aber auf Dauer gelöst werden können. Eine mit Blick auf die Altersstruktur der Gesamtpopulation angemessener Lösung wäre die Haltung eingeschlecht­licher Gruppen, in denen mehrere junge Tiere ab Ent­wöhnung bis mindestens zur Geschlechtsreife zusam­menleben. Da es über Lebensweise und eventuelle Gruppie­rungen dieser Altersklassen im natürlichen Lebens­raum keine umfassenden Informationen gibt, aus denen Hinweise auf Verfahren oder Vorhersagen über Ent­wicklungen abgeleitet werden könnten, müssen solche Haltungsformen mit der gebotenen Umsicht angegan­gen werden. Es besteht die Chance, durch begleitende Forschungsprojekte die Verhaltensentwicklung vor allem bezüglich Sozialverhalten und späterer Integra­tionsfähigkeit in Zuchtgruppen zu verfolgen. So könn­ten z. B. auch mögliche Funktionen des Spielverhaltens untersucht und einer Klärung näher gebracht werden.

Summary

Grouping of a 16-months-old male polar bear and his mother with the 13-years- old father in March 1993 is de­scribed. In the first hours the female polar bear protect­ed her son against the approaching adult male and pre­vented every contact between the males. Mother and son retreated to a small area in front of the slide, where they were guarded by the adult male. In the first days a lot of antagonistic interaction occurred between the bears. One week later the relationship between father and son relaxed and positive social interactions increased. In June 1993 the two male bears started to play with each other. The social play was analysed as part of a diploma thesis. The same play elements as observed in wild polar bears occurred. Social play between the males was characterized by a high diversity index an the one hand and a certain degree of predictability regarding the sequence of elements on the other.

At the age of 2 years and 4 months the mother did not tolerate her offspring any longer. On the 18th of March in 1994 the subadult bear was transferred to the Budapest Zoo.

Der gesamte Artikel kann gelesen werden in: „Zeitschrift des Kölner Zoos“ im Heft 3 38. Jahrgang 1995

Die Bilder aus dem Kölner Zoo wurden von Ruth Zander gemacht.

The whole article be read in in the Cologne Zoo News, 38:3, 1995.

The photos from the Cologne Zoo were made by Ruth Zander.

Wie an den Beispielen aufgezeigt wurde hängt die Familienzusammenführungen sicherlich von den individuellen Eigenschaften der beteiligten Eisbären ab, aber eine solche Zusammenführung wie in Köln wird wohl immer eine Ausnahme bleiben.

As in the examples shown, family reunions each depend on the individual characteristics of the polar bears involved, but a reunion such as that in Cologne will always remain an exception.

Moderne Eisbärenanlagen sind heute so konzipiert, dass der Vater getrennt von dem Rest Familie untergebracht werden können und beiden Teilfamilien ausreichend Platz zur Verfügung steht. Aber selbst in guten Anlagen kann Stress entstehen, wenn die Familie in direktem Blick- und Geruchskontakt stehen. So steht der Eisbärenmann Felix in Nürnberg offensichtlich unter Stress, seit Vera im Nachbargehege mit dem Nachuchs ist. Ähnliche Beobachtungen können zur Zeit in Rotterdam gemacht werden, wo Eric ständig beobachtet, was Olinka und Vicks im Nachbargehege unternehmen.

Modern polar bear enclosures are constructed, so that the father is separated and accommodated away from the rest of the family and both parts of the family have enough space.  But stress can arise even in good enclosures, if members of the family can see and smell one another.  This is obvious with polar bear male Felix at Nuremburg, with Vera and the cubs in the neighboring exhibit.  Similar observations have occurred in Rotterdam, where Eric constantly observes that Olinka and Vicks occupy the neighboring exhibit.

Die Unterbringung von jungen Eisbärmännern stellt auch heute noch ein Problem dar, besonders da in den letzten Jahren mehr Männchen als Weibchen geboren wurden. Im Zoo Hannover hat man eine „Junggesellengruppe“ gebildet, mit drei im Jahr 2008 geborenen Eisbären, Nanuq, Arktos und Sprinter, um neue Wege zu gehen.

Accommodation of young polar bear males still remains a problem, especially in latter years when more males than females have been born.  At the Hanover Zoo, they have broken new ground by putting together a group of young males, three polar bears all born in 2008, Nanuq, Arktos, and Sprinter. 

Foto: javno100

Vitus in Budapest

7 Antworten zu “Familienzusammenführung bei Eisbären

  1. Pingback: München: Harmonisches Familientreffen am Kontaktgitter bei den Eisbären | Eisbären im Zoo - Polar Bears in Zoos

  2. Liebe Ulli,

    Dieser Bericht ist ein Kleinod, ein wahrer Schatz.

    Ich musste daran denken, wie sehr wir damals geschwitzt haben um die Identität der Fasanoschwestern richtig herauszubekommen und dann als i-Tüpfel irgendwann auch noch die Geschichte mit Felix, der mit der kleinen Dea und Mama im gleichen Gehege untergebaracht war, und das gleich zum 3.Mal…So absurd kam mir das damals vor, dass ich ersten Übersetzungshilfen nicht getraut hatte…))

    Wie toll , dass der Erfahrungsbericht aus Köln bebildert ist, dass wir so den kleinen Vituis in vollem Einsatz sehen können.
    Ganz toll zusammengestellt, auch mit Stoff zum Nachdenken. Auch wenn diese Familienzusammenführungen eher aus der Not geboren waren und oft genug in der Vergangenheit tragisch verliefen, so finde ich jedoch immer wieder faszinierend, wenn es Ausnahmen von der Regel gibt. Es zeigt, wievel komplexer Eisbären einfach sind.

    LG
    Birgit

  3. hallo ulli
    ein echt informativer und auch spannender bericht aus der eisbär-zoowelt.
    aber zur nachahmung nur bedingt zu empfehlen,am besten gar nicht.
    das,das in fasano in dem kleinen gehege so gut klappt ,wundert mich ja immer wieder.
    felix scheint ja so ein ausnahmebär zu sein , das mutter und kind nicht im dauerstress stehen und er
    die situation akzeptiert,wie sie ist.
    riskant wird das aber immer bleiben,denke ich.
    die junggessellengruppen finde ich echt gut.
    l.g.martina

  4. Hallo Ulli,

    spannend hoch Neun. Ich dachte immer, dass nur in Fassano bisher eine Zusammenführung gelungen wäre. Von Köln wusste ich noch nichts. Danke für den Artikel.

    LG Elke

  5. Danke Ulli für deine immer wieder informativen EisbärenSchätze.
    Klasse Artikel!
    LG
    Ela

  6. Hallo Ulli,
    aktueller geht es kaum -danke für den tollen,sehr interessanten Artikel !! Wir haben darüber in Aalborg gesprochen,ob und überhaupt-und nun finde ich so vieles bestätigt in dem Artikel wieder,danke dafür !!

    :DD Marga

  7. Das ist ja erstaunlich.
    Ein spannender, informativer Artikel, den ich geradezu verschlungen habe.
    Ich danke euch für das zur Verfügungstellen so interessanten Lesestoffs.
    Ihr seid wirklich klasse, wo findet man so etwas sonst noch.
    Nirgends.
    Herzlichen Dank, Brigitte

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